Bad Hersfeld (dpa) - Die Gewerkschaft Verdi will Amazon mit mehrtägigen Streiks im Weihnachtsgeschäft unter Druck setzen. Der Versandriese versichert: Die Geschenke kommen dennoch pünktlich. Am Montag vermeldete Verdi eine Rekordbeteiligung der Streikenden. Erstmals war auch ein dritter Standort dabei.

So soll der weltgrößte Online-Versandhändler im Tarifstreit zum Einlenken gezwungen werden. Der Ausstand werde am größten deutschen Standort in Bad Hersfeld bis einschließlich Mittwoch fortgeführt und in Leipzig bis einschließlich Freitag, wie Verdi-Sprecher Christoph Schmitz in Berlin sagte. "Wir werden einen langen Atem haben", sagte er. Im bayerischen Graben bei Ausburg, wo erstmals die Arbeit niedergelegt wurde, sollte es zunächst bei einem eintägigen Streik bleiben.

Verdi vermeldete eine Rekord-Beteiligung seit dem Start im Sommer: Insgesamt 1800 Mitarbeiter hätten sich am Montag angeschlossen. Das wären so viel wie noch nie zuvor in Deutschland. 700 seien es in Bad Hersfeld gewesen, 600 in Graben und 500 in Leipzig. Ziel des Ausstands ist ein Tarifvertrag gemäß des Einzel- und Versandhandels.

Laut Amazon beteiligten sich 1115 Mitarbeiter am Streik. Weil die große Mehrheit regulär gearbeitet habe, gebe es keinerlei Verzögerung bei der Zustellung. "Unsere Kunden können sich selbstverständlich weiterhin auf die rechtzeitige Zustellung ihrer Weihnachtsgeschenke verlassen", sagte eine Sprecherin in München. Verdi bezweifelt, dass Amazon trotz der Streiks wie gewohnt liefern kann. "Die Kunden sollten unbedingt auf die angegebenen Lieferzeiten achten", sagte Schmitz.

"Wir arbeiten weiter an einer Vernetzung mit anderen bei Amazon und wollen strategisch noch mehr Standorte einbeziehen. Wir behalten uns vor, weiter zu eskalieren", sagte Heiner Reimann von Verdi Hessen. Zudem reise eine Verdi-Delegation nach Seattle, um vor dem Firmensitz des US-Branchenriesen zu demonstrieren. "Wir spüren unheimlich viel Solidarität." Als ersten Erfolg wertet Verdi, dass Amazon diesmal ein Weihnachtsgeld zahle.

"Die Beschäftigten bei Amazon leisten hervorragende Arbeit, die vor Weihnachten in Höchstleistungen ausartet. Da ist es nur recht und billig, dass ein Konzern seinen Mitarbeitern Verbindlichkeit und Sicherheit durch Tarifbindung und angemessene Bezahlung bietet", erklärte Streikleiter Thomas Gürlebeck in Graben. Seine Verdi-Kollege Hubert Thiermeyer sagte: "Die Stimmung ist kämpferisch, die Menschen haben Existenzängste."

In Leipzig sagte Streikleiter Thomas Schneider: "Die Stimmung ist ausgesprochen gut. Die Kollegen haben ganz viel Mut, sie sehen dass sie auf dem richtigen Weg sind." Die Mitarbeiter freuten sich, dass mit Graben ein weiterer Standort hinzugekommen ist. Das motiviere. Die niedrigeren Teilnehmerangaben des Arbeitgebers stimmten nicht: "Das ist das Pfeifen im Walde". Er sei sicher: Die Streiks wirken.

Der Regionalgeschäftsführer des Leipziger Versandzentrums, Armin Cossmann, sagte dem Radiosender MDR Info mit Blick auf die Streikenden: "Uns macht das Wetter mehr Sorgen, wir sind sehr gut vorbereitet. Was man eben auch dabei wissen muss, dass es immer noch der deutlich kleinste Teil der Kollegen ist, die sich dafür entschieden haben zu streiken."

Amazon lehnt einen Tarifvertrag nach den Bedingungen des Einzel- und Versandhandels kategorisch ab und orientiert sich an den günstigeren Konditionen der Logistikbranche. Deswegen kommt es seit dem Sommer deutschlandweit immer wieder zu Streiks. In Bad Hersfeld war es am Montag nach Verdi-Angaben der 17. Streiktag. Bei Amazon arbeiten bundesweit rund 9000 Mitarbeiter in acht Versandzentren, unterstützt werden sie von 14 000 saisonalen Aushilfen.

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