Florenz (dpa) - Das Urteil im dritten Mordprozess gegen Amanda Knox und ihren Ex-Freund Raffaele Sollecito steht unmittelbar bevor. Das Gericht in Florenz zog sich am Vormittag zur Beratung zurück und will voraussichtlich am Abend seine Entscheidung verkünden.

Während der Italiener Sollecito (29) dann im Gerichtssaal sein will, verfolgt die US-Amerikanerin Knox das Urteil mit ihrer Mutter in ihrer Heimatstadt Seattle. Sie sei "sehr aufgewühlt", sagte ihr Anwalt Luciano Ghirga, der am Morgen das letzte Wort vor dem Berufungsgericht hatte.

"Das Bewusstsein der Unschuld von Amanda ist heute felsenfest und erlaubt es uns, der Anklage mit Gelassenheit zu begegnen", sagte Knox' zweiter Verteidiger Carlo Dalla Vedova. Es sei nicht möglich, jemanden zu verurteilen, weil er "möglicherweise schuldig" sei. Der zweite Angeklagte Sollecito betrat am Morgen gemeinsam mit einigen nahen Verwandten den Gerichtssaal. "Heute hierherzukommen war eine Entscheidung des Mutes und des Respektes gegenüber dem Gericht - und des Vertrauens in die Justiz", sagte sein Vater Francesco.

Knox und Sollecito müssen sich seit September zur dritten Mal für den Mord an der Britin Meredith Kercher verantworten. Ihnen wird vorgeworfen, die damals 21 Jahre alte Studentin im November 2007 in Perugia brutal ermordet zu haben. Kercher war halbnackt und von Messerstechen übersät in ihrem WG-Zimmer entdeckt worden. Knox und Sollecito wurden 2009 in erster Instanz in einem Indizienprozess verurteilt und nach vier Jahren im Gefängnis 2011 freigesprochen.

Beide bestreiten ihre Schuld, während der Staatsanwalt Haftstrafen von 26 Jahren für Sollecito und 30 Jahren für Knox gefordert hat. Sollte das Gericht auf schuldig entscheiden, droht Sollecito eine erneute Haft, während Knox zunächst ausgeliefert werden müsste. Legt eine der beiden Seiten Berufung ein, muss jedoch ohnehin das höchste italienische Gericht ein weiteres Mal in dem Fall entscheiden.

Zur Verlesung des Urteils wurden auch die Geschwister des Opfers im Gerichtssaal erwartet. Zum Auftakt des letzten Verhandlungstages am Morgen waren sie nicht anwesend. "Wir wollen, dass der Prozess und das Geschwätz heute enden, damit wir uns nur auf unseren Schmerz und die Erinnerung an Meredith konzentrieren können", sagte die Schwester Stephanie Kercher dem "Corriere della Sera".