Kiew (dpa) - Nach dem blutigsten Tag seiner jüngeren Geschichte steht Kiew unter Schock. Hastig hetzen die wenigen Menschen, die unbedingt auf die Straße müssen, durch die Innenstadt. Frauen und Kinder sind kaum zu sehen.

Auf dem zentralen Unabhängigkeitsplatz, dem Maidan, stehen sich Tausende Demonstranten und Sicherheitskräfte unerbittlich gegenüber. Immer wieder gibt es blutige Zusammenstöße, lodern Feuer.

Der Rest der Innenstadt wirkt wie ausgestorben, Geschäfte bleiben nach einem Aufruf der Behörden zu einem Ruhetag ebenso geschlossen wie Schulen und Kindergärten. Auch die Metro als Hauptverkehrsader der Millionenmetropole steht still. Viele in Kiew rechnen damit, dass Präsident Viktor Janukowitsch schon bald den Ausnahmezustand erklärt. Dann könnte er etwa das Militär einsetzen, das sich bisher aus dem Machtkampf heraushält.

Mit Angst und Bangen warten Angehörige der Demonstranten auf ein Lebenszeichen ihrer Lieben. Für viele kommt jede Hoffnung zu spät. "Wir haben aus dem Radio erfahren, dass sie tot ist", erzählt Taissija Schtschuzkaja dem Internetportal der Zeitung "Westi" - ihre Schwiegermutter ist bei den blutigen Schlachten ums Leben gekommen. "Wir versuchten telefonisch, etwas bei der Miliz zu erfahren, doch dort sagten sie uns nichts", klagt Schtschuzkaja.

Am Morgen gibt das Gesundheitsministerium die neuesten Schreckenszahlen bekannt: Mindestens 25 Menschen sind tot, Protestierer wie Polizisten. Doch nach Schätzung von Beobachtern gibt es wohl noch viel mehr Opfer. So ist die Rede von vielen Leichen im Michailowski-Kloster. Zudem sind offenbar mehr als 1000 Demonstranten sowie 300 Sicherheitskräfte verletzt, viele schwer, viele mit Schusswunden.

Noch ist völlig unklar, wer scharfe Munition einsetzt und warum. Wilde Gerüchte machen die Runde. Gibt es Scharfschützen? Emissäre womöglich aus Russland in ukrainischen Uniformen? Beide Seiten geben sich gegenseitig die Schuld an dem Blutbad.

"Es fließen Flüsse voll Blut", schildert die Zeitung "Ukraina Moloda" die beispiellosen Zusammenstöße in der Hauptstadt. Und die Zeitung "Segodnja" spricht bereits von "Krieg". Das riesige Gewerkschaftshaus direkt am Maidan ist rußgeschwärzt. In dem Gebäude mit der charakteristischen Uhr auf dem Dach sollen Stockwerke im Feuer eingebrochen sein, die Rettungskräfte müssen sich zurückziehen. Hier hatten die radikalen Demonstranten ihr Hauptquartier.

Und ein Ende der Gewalt ist vorerst nicht abzusehen. Der prorussische Präsident Janukowitsch gibt sich unversöhnlich. Zwar spricht er in einer Mitteilung an sein Volk von "großem Schmerz" und einer "Tragödie". Aber er weist alle Schuld von sich, allein die Opposition um Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko habe Schuld an der Eskalation: Sie habe die Radikalen nicht im Griff. Auch die Regierungsgegner zeigen sich verbittert. "Janukowitsch fordert, dass wir uns ergeben", meint der frühere Außenminister Arseni Jazenjuk. Aber aufgeben wollen sie nicht, sondern kämpfen bis zum Sieg.

Und während in der Hauptstadt weiter die Angst um sich greift, dass es noch mehr Tote, noch mehr Verletzte gibt, rüstet sich der antirussisch geprägte Westen der Ex-Sowjetrepublik zum Aufstand. Offen ruft Andrej Sadowy, Bürgermeister der Großstadt Lwiw (Lemberg) die Polizei auf, zu den Regierungsgegnern überzulaufen. "Wendet Eure Waffen zum Schutz der Menschen an - Eurer Verwandten, Nachbarn, Freunde. Seid Euch bewusst, die kleinste Aggression von Eurer Seite wird eine um einige Male stärkere Antwort bekommen", warnt Sadowy auf seiner Facebook-Seite.

Janukowitsch-Mitteilung

Sadowy-Mitteilung