München (dpa) - Als Richter Rupert Heindl das Urteil verkündet, beißt sich Uli Hoeneß auf die Lippen. Seine Hände liegen flach auf dem Tisch, die Finger trommeln leise. Einmal wischt er sich mit der Hand über die Wange.

Seine Frau Susi sitzt in der ersten Reihe - wie versteinert. Keine Regung ist ihr anzumerken. Drei Jahre und sechs Monate Haft verhängt das Landgericht München II am Donnerstag für den Präsidenten des FC Bayern. Zur Bewährung kann das nicht mehr ausgesetzt werden. Wenn das Urteil rechtskräftig wird, muss der wohl streitbarste Fußball-Funktionär Deutschlands ins Gefängnis.

Ruhig und sachlich erklärt Richter Heindl, warum es keine Bewährungsstrafe gibt - und warum er das Verfahren auch nicht einstellte. "Es wird manchmal vergessen, dass Steuerhinterziehung ein Vorsatzdelikt ist", sagt er. "Das bloße Berufen darauf, die Bank habe quasi alles alleine gemacht, nehmen wir Ihnen nicht ab."

Die Selbstanzeige sei nicht aus freien Stücken erfolgt, hält er dem Verurteilten vor. "Sie waren getrieben von der Angst vor Entdeckung." Zu Hoeneß' Gunsten wertete das Gericht seinen bislang unbescholtenen Lebenswandel und vor allem sein Geständnis.

Was dieses Urteil bedeutet, zeigt sich am besten, wenn man an das zurückdenkt, was Hoeneß' Anwalt Hanns W. Feigen als "Stunde Null dieses Verfahrens" bezeichnet: den 17. Januar 2013. Damals stellte Uli Hoeneß seine inzwischen ebenso bekannte wie umstrittenen Selbstanzeige. Dass es das geheime Schweizer Millionenkonto überhaupt gibt, hatte er nur zwei Tage vorher seinem Steuerberater offenbart. Auf der Fahrt vom Flughafen zum Anwesen von Hoeneß in Bad Wiessee. Hoeneß kam gerade aus Berlin - von einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Bis zu seinem öffentlichen Absturz wurde der Präsident des derzeit erfolgreichsten Fußball-Clubs der Welt von den Reichen und Mächtigen in diesem Land geradezu hofiert. Auch wenn er selbst Millionen verdiente, galt er als ehrliche Stimme des Volkes, als Vertreter des kleinen Mannes sogar. Er inszenierte sich - durchaus mit Erfolg - als großes moralisches Vorbild.

Das ist nun vorbei. Er ist ein - wenn auch noch nicht rechtskräftig - verurteilter Steuersünder, der selbst eingeräumt hat, mehr als 27 Millionen Euro an Steuern hinterzogen zu haben. Das Gericht geht zum Schluss sogar von 28,5 Millionen aus, die Hoeneß nachzahlen muss. Der Solidaritätszuschlag fehlte noch.

"Das war die Rückkehr des Herrn Hoeneß zur Steuerehrlichkeit", sagt zwar sein Verteidiger Feigen über den Tag der Selbstanzeige. Allerdings räumte er in seinem Plädoyer "formale" Fehler ein. Nach der Entscheidung kündigte er an, das Urteil anzufechten. Die Anwälte wollen, dass der Bundesgerichtshof in Karlsruhe in der Causa Hoeneß entscheidet. Und sie hoffen dann auf eine Bewährungsstrafe.

Feigen stellte die besonderen menschlichen Verdienste von Hoeneß heraus: "Er hat sich mustergültig in seinem Leben verhalten - privat und beruflich." Und er habe "stets ein Herz für andere gezeigt, stets dort geholfen, wo Not am Mann war".

Nach Bekanntwerden seiner Steuersünde seien Hoeneß und seine Familie "über Wochen durchs Dorf getrieben" worden. "Idioten haben sich an den Zaun gestellt, Idioten haben Drohbriefe geschrieben." Außerdem spricht er von "medialer Hinrichtung". Hoeneß hört auch dem weitgehend regungslos zu. Er lutscht ein Bonbon. Ab und zu legt er die Hände übereinander. Sehr aufgeräumt sieht das aus.

Nach dem Urteil aber kann er den Saal 134 im Münchner Justizpalast gar nicht schnell genug verlassen. Er wartet nicht einmal wie sonst auf seine Frau. Er bleibt auf freiem Fuß, wenngleich auf Pump - der Haftbefehl bleibt gegen eine Millionenkaution ausgesetzt.

In diesem spektakulären Steuerprozess lernte die Öffentlichkeit einen anderen Uli Hoeneß kennen als den polternden Vereinspräsidenten. Zwei Gesichter, so scheint es, hat der 62-Jährige: Hoeneß, der Zocker, der an einem Tag schon mal 18 Millionen Euro bei Spekulationsgeschäften verspielte, und Hoeneß, der Ex-Nationalspieler und erfolgreiche Bayern-Boss, der an der Spitze stand, wenn der FC Bayern auf dem Fußballplatz Sieg um Sieg erspielte. Für beide aber heißt es jetzt: Das Spiel ist aus - zumindest bis es vor dem Bundesgerichtshof in die Verlängerung geht.