München/Augsburg (dpa) - Im Streit um Nazi-Raubkunst in der Sammlung Gurlitt will die Augsburger Staatsanwaltschaft mögliche Übereinkünfte zwischen dem Kunstsammler und Erben jüdischer Kunstbesitzer prüfen.

Die Behörde werde der Frage nachgehen, ob es möglich ist, "Rechten von Geschädigten zur Geltung zu verhelfen", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Donnerstag - so lange Rechte anderer oder "prozessuale Belange" nicht beeinträchtigt werden. Das sei aber rein hypothetisch, betonte der Sprecher. Bislang liege der Behörde keine Vereinbarung zwischen dem 81-jährigen Cornelius Gurlitt und jüdischen Erben vor.

Am Tag zuvor war bekanntgeworden, dass Gurlitt bereit ist, Bilder aus seiner Schwabinger Sammlung, bei denen es sich um Nazi-Raubkunst handelt, an die Erben jüdischer Kunstbesitzer zurückzugeben. "Wir stehen unmittelbar vor der Herausgabe eines ersten, signifikanten Werkes", hatte Gurlitts Betreuer, der Münchner Anwalt Christoph Edel, am Mittwochabend mitgeteilt. Dabei soll es sich nach Medienberichten um die "Sitzende Frau" von Henri Matisse handeln. Die Herausgabe solle in Kürze mit den Nachfahren des Pariser Kunstsammlers Paul Rosenberg vereinbart werden.

Das von den Nazis geraubte Werk gehörte zeitweise zur Kunstsammlung Hermann Görings und war auf Umwegen in den Besitz der Familie Gurlitt gelangt. Heute ist es unter den insgesamt 1280 in Gurlitts Schwabinger Wohnung beschlagnahmten Werken - und damit derzeit nicht im Besitz des 81-Jährigen. "Das, was wir beschlagnahmt haben, ist weiter beschlagnahmt", betonte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Zu einer Rückgabe der Bilder, die Gurlitt zweifelsfrei gehören und die seit Monaten vereinbart ist, wollte er sich nicht äußern.

Gegen diese Beschlagnahme, für die die Behörden den Verdacht der Steuerhinterziehung ins Feld führten, haben Gurlitt und sein Anwaltsteam Beschwerde beim Amtsgericht Augsburg eingereicht. Noch bis Ende kommender Woche hat die Staatsanwaltschaft nach Angaben des Sprechers Zeit, sich zu den Vorwürfen, die Mitnahme der Bilder sei unberechtigt gewesen, zu äußern.

Ebenfalls am Mittwoch hatte Gurlitts Sprecher bekanntgegeben, dass Kunstexperte Hannes Hartung, der den alten Mann bislang im Streit um mögliche Raubkunst vertrat, das Mandat kurzfristig entzogen worden sei.

Für mehr Aufmerksamkeit sorgte die Information, dass es sich bei dem jüngeren Fund im Salzburger Wohnhaus des 81-Jährigen um eine weit umfangreichere Sammlung handelt als bisher bekannt. In dem verwahrlost wirkenden Anwesen wurden 238 Kunstgegenstände gefunden - darunter Ölgemälde und Aquarelle von Monet, Renoir, Manet, Gauguin, Liebermann, Cézanne und Nolde sowie Zeichnungen von Picasso und Munch. Bisher war von rund 60 Kunstwerken die Rede gewesen.