Kiew/Moskau (dpa) - Nach dem umstrittenen Russland-Referendum auf der Krim hat der entmachtete ukrainische Staatschef Viktor Janukowitsch eigene Volksbefragungen in allen Teilen des Landes gefordert.

"Als Präsident (... ) rufe ich jeden vernünftig denkenden Bürger der Ukraine auf - lasst Euch nicht von Selbsternannten ausnutzen", zitierte die russische Staatsagentur Itar-Tass aus einer Erklärung des ins russische Exil geflohenen Janukowitsch. Die Aussagen könnten nach Ansicht von Beobachtern die Spannungen im prorussischen Osten und Süden der Ukraine wieder anheizen.

Moskau will Kiew etwa 350 Militärfahrzeuge zurückgeben, die russische Truppen auf der Krim beschlagnahmt hatten. Zugleich stellte Verteidigungsminister Sergej Schoigu bei einem Treffen mit Kremlchef Wladimir Putin klar, dass die übergelaufenen ukrainischen Soldaten ihr Kampfgerät behalten.

Die Abkommen mit der Ukraine über die Stationierung der Schwarzmeerflotte auf der Krim will Russland aufkündigen. Putin lobte die russische Armee für ihren Einsatz auf der von Kiew abtrünnigen Halbinsel. "Die jüngsten Vorgänge auf der Krim haben sowohl die Qualität der neuen Möglichkeiten unserer Streitkräfte als auch die hohe Moral der Truppe bewiesen", sagte der Oberbefehlshaber.

Die nahezu bankrotte Ukraine hofft, bald eine erste Tranche des Milliardenkredits vom Internationalen Währungsfonds (IWF) zu erhalten. Die Organisation sei bereit, zunächst 3 Milliarden der bis zu 18 Milliarden US-Dollar (13,1 Milliarden Euro) zuzuschießen, sagte Finanzminister Alexander Schlapak.

Wirtschaftsminister Juri Prodan räumte ein, allein die Gasschulden beim russischen Staatskonzern Gazprom betrügen 1,7 Milliarden US-Dollar. Er schloss nicht aus, die Transitpreise für russisches Gas nach Westen zu erhöhen.

Janukowitsch griff EU und USA scharf an. "Der Sturz der gesetzmäßigen Machthaber ist vom Westen außerhalb internationalen Rechts geplant worden und nicht das erste Beispiel eines solchen Szenarios", hieß es in der Erklärung. Janukowitsch war nach dem Machtwechsel in Kiew im Februar nach Russland geflohen.

Vor dem ukrainischen Parlament forderten Anhänger der ultranationalistischen Partei Rechter Sektor den Rücktritt von Innenminister Arsen Awakow. Die gewaltbereite Gruppe, militanter Arm der Proteste gegen Janukowitsch, macht Awakow für den Tod eines ihrer Führungsmitglieder bei einem Polizeieinsatz verantwortlich. Der Minister schloss einen Rücktritt nicht aus, warnte aber vor Zuständen "wie in Somalia".

Ministerpräsident Arseni Jazenjuk versprach den Hinterbliebenen der 104 Opfer der gewaltsamen Proteste gegen Janukowitsch je 10 000 US-Dollar Schmerzensgeld. Das gelte gleichermaßen für die Angehörigen der getöteten Demonstranten wie der Sicherheitskräfte. Hinzukommen sollen Sonderzahlungen für Witwen und Waisen.

Nach Einschätzung des Bürgermeisters der westukrainischen Großstadt Lwiw (Lemberg) haben aber ultranationalistische Kräfte wie die Parlamentspartei Swoboda (Freiheit) den Höhepunkt ihrer Popularität überschritten. "Wenn heute Wahlen wären, würde sie vermutlich nicht ins Parlament kommen", sagte Andrej Sadowy der Nachrichtenagentur dpa. Nach Umfragen könnte Swoboda-Chef Oleg Tjagnibok bei der Präsidentenwahl am 25. Mai mit 1,7 Prozent der Stimmen rechnen. Der Anführer des Rechten Sektors, Dmitri Jarosch, käme auf 0,9 Prozent.

Die etwa 30 000 Menschen zählende deutsche Minderheit in der Ukraine fürchtet allerdings um ihre Sicherheit. Viele Menschen überlegten, nach Deutschland zu kommen, sagte der Vizevorsitzende des Rats der Deutschen in der Ukraine, Alexander Schlamp, zu MDR Info.