Kabul (dpa) - Millionen Afghanen haben den Drohungen der Taliban getrotzt und sind zur Wahl eines neuen Präsidenten zu den Urnen gegangen. Nach Schätzungen der Wahlkommission beteiligten sich rund sieben Millionen der mehr als zwölf Millionen Wahlberechtigten an der historischen Abstimmung.

Damit machten sie den Weg für die erste demokratische Machtübergabe in der Geschichte des Landes frei.

Die von den Taliban angedrohten Anschläge blieben weitgehend aus. US-Präsident Barack Obama würdigte die Wahl in Afghanistan als "wichtigen Meilenstein" auf dem Weg des Landes in eine demokratische und eigenverantwortliche Zukunft.

Obama gratulierte den Wählern, die "enthusiastisch" an der historischen Abstimmung teilgenommen hätten. "Diese Wahl ist entscheidend, um Afghanistans demokratische Zukunft und die fortlaufende internationale Unterstützung zu sichern", betonte er. Die USA werden nach seinen Worten mit der neuen Regierung weiter "auf der Basis gegenseitigen Respekts und Verantwortlichkeit" zusammenarbeiten, versprach er in einer am Samstag in Washington veröffentlichten Erklärung.

Auch Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen gratulierte zu einer Wahl mit "beeindruckender Beteiligung". "Jede Stimme zählt, und jede Stimme ist eine Stimme für die Demokratie", sagte er in einer am Samstagabend verbreiteten Erklärung. "Dies war wahrlich eine von Afghanen geleitete und von Afghanen gesicherte Wahl für die Zukunft der Afghanen."

Nach der Wahl beginnt am Sonntag die offizielle Auszählung der Stimmen. Erste vorläufige Teilergebnisse der Wahlkommission in Kabul werden Mitte der Woche erwartet. Das amtliche Endergebnis will die IEC am 14. Mai verkünden. Sollte kein Bewerber eine absolute Mehrheit erhalten, ist für den 28. Mai eine Stichwahl vorgesehen.

Der scheidende Präsident Hamid Karsai regiert seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001. Er durfte nach der Verfassung nicht für eine dritte Amtszeit kandidieren. Acht Kandidaten bewerben sich um seine Nachfolge. Als Favoriten gelten die früheren Außenminister Abdullah Abdullah und Salmai Rassul sowie Ex-Finanzminister Ashraf Ghani.

Zwei Kandidaten beklagten nach der Abstimmung Unregelmäßigkeiten und Betrugsversuche. Ghani sagte am Samstagabend, Beobachter seiner Partei könnten "klare Betrügereien" in einigen Wahllokalen bezeugen. Ein verfälschtes Wahlergebnis sei unakzeptabel.

Oppositionsführer Abdullah Abdullah wiederum sagte, Anhänger seiner Partei hätten mehrere Beschwerden eingereicht. So seien in einigen Regionen Beobachter seiner Partei von Regierungskräften behindert worden. Zudem hätten Zehntausende oder gar Hunderttausende Wähler wegen fehlender Stimmzettel gar nicht abstimmen können.

Vereinzelt kam es zu tödlichen Zwischenfällen am Wahltag. Die von den Taliban angedrohte Welle von Anschlägen auf Wahllokale blieb aber aus. Bei einem Selbstmordanschlag in Chost starb nur der Attentäter. In Ghasni wurde ein Selbstmordattentäter von Polizisten erschossen.

In der Hauptstadt Kabul - wo spektakuläre Anschläge befürchtet worden waren - blieb es ruhig. Zur Wahl waren die 352 000 afghanischen Sicherheitskräfte in höchste Alarmbereitschaft versetzt worden.

Die Wahl ist die letzte, bevor der Kampfeinsatz der Nato-geführten Schutztruppe Isaf in Afghanistan zum Jahresende ausläuft. Alle drei Favoriten haben angekündigt, im Falle eines Sieges das Sicherheitsabkommen mit den USA zu unterzeichnen, das Voraussetzung für einen kleineren Nato-Einsatz zur Ausbildung und Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte von 2015 an ist. Karsai hatte die Unterschrift trotz Appellen aus dem In- und Ausland verweigert.

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