Hannover (dpa) - Die heimische Industrie prescht vor und spricht von spürbarem Wachstum. Doch nach dem Start ihrer Weltleitmesse in Hannover mischt sich immer mehr Skepsis in die Euphorie. Es herrschen handfeste Nachwuchssorgen. Dauerhafter Zankapfel ist der Lebenssaft der Unternehmen, die Energie.

Die deutsche Industrie steuert volle Kraft voraus in ihr stärkstes Wachstumsjahr seit langem - und sorgt sich dennoch vor der Zukunft. Ihre Ingenieure sind überaltert, ohne Nachwuchs aus dem Ausland droht die heimische Innovationskraft zu ermatten. Die Frage nach sicherer und bezahlbarer Energie bleibt zudem ein Dauerbrenner, wie die Hannover Messe am Dienstag zeigte. Demnach gibt es nach dem Start der Leistungsschau vom Montag, als die Verbände viel Optimismus für ein starkes Jahr 2014 verbreiteten, auch genug Anlass zur Sorge.

Einer Studie zufolge geht den Ingenieuren hierzulande der Nachwuchs aus, was sich absehbar zu einem echten Nachteil auswachsen könnte. "Etwa ab dem Jahr 2020 wird uns das Problem der Überalterung voll im Griff haben", warnte der Präsident des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), Udo Ungeheuer. EU-weit seien die Ingenieure hierzulande schon heute die ältesten. Etwa ab 2020 schlage die Demografiefalle zu, wie der VDI unter Berufung auf die Analyse berichtete, die er zusammen mit dem arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) erstellte.

Künftig dürften bis zu 50 000 Ingenieure pro Jahr altersbedingt ausscheiden und zusätzlich konjunkturbedingt jährlich 40 000 neue Ingenieursstellen benötigt werden. Diesen Bedarf könnten die Hochschulen jedoch bei weitem nicht decken. "Da tickt eine Zeitbombe", sagte Ungeheuer. Ein wichtiger Ausweg sei das verstärkte Werben um ausländische Ingenieure und um mehr Frauen.

Im Fokus der Messe stand am Dienstag die Energie, während das Bundeskabinett parallel in Berlin nach zähem Ringen die Reform der Ökostromförderung auf den Weg brachte. Die Politik sieht mit ihrer Novelle des im Jahr 2000 eingeführten Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) Förderkürzungen vor und reglementiert den Windenergieausbau besonders an Land. Die Präsidentin des Bundesverbandes Windenergie, Sylvia Pilarsky-Grosch, kritisierte die Reform als Weg in die falsche Richtung. "Es ist noch immer das Signal, dass nicht so viele Windenergieanlagen gebaut werden sollen", sagte sie auf der Messe.

Deutschlands größter Windenergieanlagenbauer Enercon sieht in der Anpassung trotz aller Kritik auch einen Treiber für neuen Fortschritt bei den modernen Strombringern. "Wir müssen nun die technischen Voraussetzungen schaffen, damit wir das EEG 2.0 auch meistern", sagte Enercon-Chef Hans-Dieter Kettwig. Die Reform sei ein weiteres Argument dafür, Anlagen noch gezielter auf Ertragsstärke zu trimmen.

"Wir sind ganz optimistisch, dass wir in Deutschland jetzt noch einmal die Kurve bekommen haben", bewertete Kettwig den Entwurf für die Reform, den Enercon nun prüfe. Er stellte in Aussicht, dass Enercons Investitionsbremse hierzulande gelöst werden könne. Der deutsche Marktführer aus dem ostfriesischen Aurich hatte Pläne, die 2014 mindestens 110 Millionen Euro Ausgaben für Deutschland vorsehen, bis zur Klärung der anstehenden EEG-Reform auf Eis gelegt.

Der Branchenverband ZVEI mahnte mehr Investitionen beim Ausbau der erneuerbaren Quellen an, die inzwischen schon fast ein Viertel der bundesweiten Stromerzeugung ausmachen. Die Netze gehörten dringend modernisiert, wenn die Energiewende daran nicht scheitern solle.

Bisher sei es gerade noch möglich gewesen, stark schwankende Quellen wie Sonne und Wind zu integrieren. Nun drohe das Alter des Netzes alles zu stoppen. "Mehr verkraftet die Technik aus den 60er und 70er Jahren nicht. Netzausbau und -modernisierung müssen in Zukunft Hand in Hand mit dem Ausbau der Erzeugung aus erneuerbaren Energien gehen", sagte ZVEI-Fachverbandsvize Martin Schumacher.

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