Seoul (dpa) - Noch immer werden fast 300 Menschen nach dem Fährunglück vor der südkoreanischen Küste vermisst. Doch bei einer Wassertemperatur von nur zwöf Grad sinkt die Hoffung, noch Überlebende zu finden. Die Reaktion von Kapitän und Besatzung auf das Unglück der Fähre gerät in die Kritik.

Obwohl das Schiff in Schieflage geriet, habe die Brücke zunächst nicht die Evakuierung angeordnet, berichteten südkoreanische Medien. Überlebende kritisierten, dass sich mehr Passagiere hätten retten können, wenn diese nicht angewiesen worden wären, sich nicht von der Stelle zu bewegen. Hinterfragt wird zudem, warum die meisten Rettungsboote nicht zu Wasser gelassen worden seien. Kritik gibt es auch an den Behörden, die erst keine Zahlen liefern konnten und später die Angaben über Vermisste und Gerettete korrigieren mussten.

Starke Strömung und trübes Wasser erschwerten die Suche nach Überlebenden. Experten hatten wenig Hoffnung, einen Tag nach dem Untergang des Schiffes noch Überlebende zu finden. Die Küstenwache befürchtet, dass im Rumpf der "Sewol" ein Großteil der mehr als 470 Reisenden eingeschlossen wurde. Viele Passagiere waren Schüler auf einem Ausflug. Die Behörden befragten den Kapitän, um die Ursache der Katastrophe vom Mittwoch zu klären.

Ermittler schlossen laut dem Rundfunksender KBS ein abruptes Wendemanöver als Grund für das Unglück nicht aus. Dem Kapitän drohe eine Ermittlung wegen Fahrlässigkeit, hieß es. Ein Sprecher der koreanischen Küstenwache in Inchon wollte diese Angaben auf Anfrage nicht bestätigen.

Die Küstenwache befragte auch Besatzungsmitglieder, berichtete KBS. Deren Aussagen ließen vermuten, dass ein ruckartiges Drehen des Schiffes bei einer nötigen Kursänderung vor der Insel Chindo zu der Katastrophe geführt haben könnte. Möglich ist auch, dass die Auto- und Personenfähre auf einen Felsen aufgelaufen sein könnte. Überlebende hatten von einem großen Knall vor dem Sinken des Schiffes gesprochen.

Die Zahl der Toten stieg nach Angaben des Krisenstabs der Regierung auf neun. 287 Menschen galten noch als vermisst. Mehr als 500 Taucher standen zum Einsatz bereit, fast 180 Menschen seien gerettet worden. Doch die Chancen schwinden: Bei einer Wassertemperatur von zwölf Grad könnten Menschen im Wasser höchsten zwei bis drei Stunden aushalten, bevor die Unterkühlung einsetze, sagte ein Experte dem staatlichen Sender Arirang. Und um in dem Wrack überleben zu können, müsse man eine Luftblase finden, allerdings sinke der Sauerstoffgehalt.

325 Teenager einer Oberschule aus einer Vorstadt von Seoul waren zusammen mit Lehrern auf dem Weg von der westlichen Küstenstadt Inchon zur südlichen Ferieninsel Cheju, als das Schiff am Mittwochmorgen in Seenot geriet und einen Notruf absetzte. Überlebende sagten, sie hätten zunächst die Anweisung erhalten, zu warten, statt ins Wasser zu springen.

Etwa zwei Stunden später sank die mehrstöckige Fähre fast komplett, nur noch der Bugwulst ragt aus dem Wasser hervor. Dies sei damit zu erklären, dass das Wasser an der Stelle nur etwa 30 bis 40 Meter tief und die Fähre mehr als 140 Meter lang sei, sagte ein Sprecher der Küstenwache. Kräne würden in den nächsten Tagen zur Unglücksstelle gebracht, um das Wrack zu heben.

Südkoreas Staatspräsidentin Park Geun Hye machte sich an der Unglücksstelle ein Bild von der Suche nach den Vermissten. Angesichts des kalten Wassers sei "jede Minute kritisch, falls es Überlebende gibt", sagte Park am Donnerstag laut der nationalen Nachrichtenagentur Yonhap.

Bericht Arirang