Hamburg (dpa) - Kein Özil, kein Götze, kein Podolski - dennoch versprechen die Chefs der deutschen Nationalmannschaft den skeptischen Fans in Hamburg gegen Polen "tollen Fußball".

Auch ohne 20 der 30 zum erweiterten WM-Kader gehörende Spieler, die in Hamburg wegen Verpflichtungen mit ihren Clubs fehlen, will Bundestrainer Joachim Löw nicht "den nationalen Fußball-Notstand ausrufen" und mit "viel Freunde" die lange WM-Vorbereitung einläuten. "Wir freuen uns, dass es endlich losgeht, am Dienstag startet für uns die WM", erklärte Löw-Assistent Hansi Flick am Tag zuvor.

Gleich zwölf Länderspiel-Frischlinge hat Löw für das 18. Länderspiel gegen Polen eingeladen. Gegen das Nachbarland hat das DFB-Team noch nie verloren. Angst, dass dieses Mal mit der zweiten und sogar dritten Garnitur eine Niederlage droht, hat Flick nicht. "Es wird mit Sicherheit eine Mannschaft auf dem Platz stehen, die einen tollen Fußball spielt", entgegnete der Löw-Assistent den Sorgen der Fans, die am Dienstag keinen der großen Stars sehen werden.

Sogar Löw räumte ein, dass die Partie in der 57 000 Fans fassenden Hamburger Arena für seine WM-Mission, die am 13. Juli in Rio de Janeiro mit dem so lange ersehnten vierten Titel enden soll, nur eine untergeordnete Rolle spielt. "Das sind Gesichter mit Zukunft", sagte der DFB-Chefcoach. Zumindest kann er auf das Mitwirken von Lars Bender, nach dem Schalker Benedikt Höwedes (18 Länderspiele) der zweiterfahrenste Akteur im Polen-Aufgebot (17), hoffen. "Wie es aussieht, ist er einsatzfähig", erklärte Flick zum Leverkusener Bender, der mit einer Oberschenkelprellung angereist ist.

Ein viel wichtigerer Brasilien-Test wird es am Samstag im DFB-Pokalfinale in Berlin geben, wo gleich sieben WM-Kandidaten des FC Bayern und sechs von Borussia Dortmund aufeinandertreffen. "Ich möchte da schon von allen sehen, dass sie diese Titelchance unbedingt wahrnehmen wollen und um den Pokal fighten", erklärte der Bundestrainer im "Kicker": "Ich hoffe, dass da im positiven Sinne die Fetzen fliegen." Von der Stimmung dürfte das "deutsche Wembley" schon WM-Atmosphäre verbreiten.

In Hamburg läuft alles eine Nummer kleiner. Auch ein erwarteter Neulings-Rekord in der Ära Löw interessiert in der Hansestadt angesichts der Relegationssorge um den HSV eigentlich niemanden. Mindestens sechs Akteure ohne bisherige Länderspiel-Minute werden gegen die ebenfalls mit einem Ersatzteam antretenden Polen in der Startelf stehen. Aussichtsreiche Kandidaten: Shkodran Mustafi (Sampdoria Genua), Christian Günter (SC Freiburg), Leon Goretzka (Schalke 04), André Hahn (FC Augsburg), Max Meyer (Schalke 04) und Kevin Volland (1899 Hoffenheim). Weitere sechs stehen für Einwechslungen bereit. Die bisherige Höchstmarke unter Löw datiert vom 28. März 2007, als gegen Dänemark 0:1 insgesamt sechs Frischlinge zum Einsatz gekommen waren.

Chancen, in den echten WM-Kader mit dann nur noch 23 Spielern zu rutschen, haben nur ganz wenige der Länderspiel-Neulinge. "Wenn man die Chance bekommt, will man sie auch nutzen", sagte der Hoffenheimer Volland. Nachdem Mario Gomez und Max Kruse aus Löws WM-Plänen gestrichen sind, wittert der 21 Jahre alte Stürmer besonders seine Möglichkeit. "Wichtig ist, dass man sich gut präsentiert. Ich habe nichts zu verlieren, werde mich voll reinhauen", bemerkte Volland, der Sohn des ehemalige Eishockey-Nationalspielers Andreas Volland. Auch der Vater war einmal über Umwege in einen WM-Kader gerutscht.

36 000 Tickets sind für den ersten von drei WM-Tests vor der Abreise nach Brasilien am 7. Juni abgesetzt, der DFB rechnet "trotz allem noch mit einer ordentlichen Kulisse". Klar habe man in der Konstellation noch nie zusammengespielt, "aber ich bin überzeugt, dass eine Trainingseinheit genügt", um eine schlagkräftige Elf aufbieten zu können, betonte der zukünftige DFB-Sportdirektor Flick und versprach: "Alle werden das Letzte aus sich herausholen."

Wichtiger sind für Löw und Flick ohnehin andere Baustellen. Das Comeback von Sami Khedira beim 0:2 von Real Madrid bei Celta de Vigo bestätigte die Vorstellungen der Trainer. "Er ist genau im Plan und genau das war die Überlegung", erklärte Flick. "Punktuell", so Löw, könne Khedira mit Sicherheit helfen. Die Frage aber bleibt, wie der 27-Jährige Ex-Stuttgarter "nach einem halben Jahr Pause solch ein Turnier mit bis zu sieben Spielen" durchstehen kann. Zumal damit auch beeinflusst wird, auf welcher Position Kapitän Philipp Lahm bei der Traum-WM spielen soll.

Auch bei der neuen Blessur von Bastian Schweinsteiger, dessen Teilnahme am DFB-Pokalfinale wegen Patellasehnen-Problemen in Gefahr ist, bleiben die Chefs erst einmal optimistisch. "Wir haben noch keine negativen Informationen bekommen. Wir machen uns da jetzt gar keine Gedanken", meinte Flick, der trotz aller Baustellen die Mannschaft schon jetzt auf gutem Weg sieht: "Wir sind weiter als 2010."

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

Deutschland: Zieler (Hannover 96/25 Jahre/2 Länderspiele) - Höwedes (FC Schalke 04/26/18), Mustafi (Sampdoria Genua/22/0), Ginter (SC Freiburg/20/1), Günter (SC Freiburg/21/0) - Rudy (1899 Hoffenheim/24/0), Goretzka (FC Schalke 04/19/0) - Hahn (FC Augsburg/23/0), Meyer (FC Schalke 04/18/0), Draxler (FC Schalke 04/20/10) - Volland (1899 Hoffenheim/21/0)

Polen: Boruc (FC Southampton/34/56) - Olkowski (Gornik Zabrze/24/4), Szukala (Steaua Bukarest/29/5), Cionek (FC Modena/28/0), Wawrzyniak (Amkar Perm/30/37) - Krychowiak (Stade Reims/24/17), Klich (PEC Zwolle/23/7) - Peszko (1. FC Köln/29/28), Wolski (AC Florenz/21/3), Zyro (Legia Warschau/21/0) - Robak (Pogon Szczecin/31/8)

Schiedsrichter: Borbalan (Spanien)