Cannes (dpa) - Viel Kontrastreicher kann ein Tag bei einem Filmfestival wohl kaum sein. Zuerst war da der kanadische Autorenfilmer Atom Egoyan.

Der brachte am Freitag seinen düsteren Thriller um einen Kinderpornoring nach Cannes. Doch schon wenig später schlug die Stimmung im großen Premierensaal an der Croisette um - und die Zuschauer erlebten ein buntes Animationsspektakel um freche Wikinger und bunte Drachen in 3D. Selbst Wikingerhüte aus Plastik waren im sonst so eleganten Palais zu sehen. Für die Cannes-übliche Dosis an Hollywoodglamour sorgten zwei der Stars aus diesen gegensätzliche Filmen: Cate Blanchett und Ryan Reynolds.

Blanchett spricht in "Drachenzähmen leicht gemacht 2" eine Wikingerfrau, die sich der Rettung von Drachen verschrieben hat. Auch in Cannes gab sich die 45-Jährige kämpferisch: Nachdem sie geduldig so manche Antwort über ihre Familie, ihre Liebe zu verschiedensten Ländern dieser Welt und den Spaß im Aufnahmestudio eines Animationsfilms beantwortet hatte, wurde sie ernst.

Dass sie als Frau immer noch gefragt werde, wie sie Familie und Karriere unter einen Hut bringe, irritiere sie. Frauen seien noch immer benachteiligt. "Es gibt für dieselbe Arbeit nicht denselben Lohn", sagte Blanchett. Das gelte für jede Branche. Sie habe manchmal sogar den Eindruck, "dass wir zurück im Mittelalter sind".

Schlichter kam die Story von "Drachenzähmen leicht gemacht 2" daher - beim Festival außer Konkurrenz gezeigt: Auf einer Insel leben Wikinger und Drachen friedlich zusammen, bis ein machtgieriger Bösewicht auf den Plan tritt. Zusammen mit seinem Drachen will der junge Wikinger Hicks den Konflikt beenden, gerät aber schnell selbst in Gefahr. Dabei spart Regisseur Dean DeBlois zwar nicht mit spektakulären 3D-Flügen, aber auch nicht mit der üblichen Moral: So muss Hicks erst seine eigenen Stärken erkennen, bevor er seine kleine Welt retten kann.

Deutlich ernstere Töne schlug der kanadische Regisseur Atom Egoyan an, der in Cannes schon 1997 für das Drama "Das süße Jenseits" ausgezeichnet worden war. In seinem Wettbewerbsbeitrag "The Captive" stellt er verschiedene Geschichten um einen Kinderpornoring in den Mittelpunkt: Da ist Cass, das Mädchen, das von einem Mann entführt wurde und in einem Keller gefangen gehalten wird. Ihre Eltern (darunter Ryan Reynolds "Green Lantern"), deren Ehe an Trauer und Schuldzuweisungen zerbrochen ist. Und dann die Polizisten, die auch nach Jahren noch nach Cass suchen und sie schließlich über Internetplattformen entdecken.

Ihn habe der Fall eines Jungen in seiner Nachbarschaft erschüttert und zu diesem Film inspiriert, erzählte Egoyan in Cannes. Der sei in einem Park verschwunden, als dessen Mutter nur kurz nicht hingeschaut habe. "Wenn ich in dem Park spazieren gehe, erinnern noch immer Plakate an den Jungen; seine Eltern suchen ihn verzweifelt."

Elegant vor der Kulisse der verschneiten Niagarafälle in Szene gesetzt, verliert sich Egoyan in "The Captive" allerdings in seinem fragmentarisch erzählten Thriller. Mehrere Protagonisten, Zeitsprünge und Handlungsstränge sollen ein komplexes, kaleidoskoartiges Bild des Grauens geben. Doch stattdessen schlingert der Thriller so zu sehr an der Oberfläche und hinterlässt am Ende einen etwas überfrachtet wirkenden Gesamteindruck.

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