Frankfurt/Main (dpa) - Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger hält die Wirkung möglicher weiterer Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank (EZB) für sehr begrenzt.

"Der Handlungsspielraum der EZB ist mehr homöopathisch", sagte das Mitglied des Sachverständigenrates der Bundesregierung dem Südwestrundfunk. Ein Leitzins, der noch näher bei null liege, und ein Strafzins für Geschäftsbanken, die überschüssiges Geld bei der EZB parken wollten, stellten als Konjunkturimpulse keine schweren "Geschütze" dar.

Um die Wirtschaft im Euroraum zu beleben, sei weniger die Geldpolitik als die Finanzpolitik gefordert. Die Politik solle darüber nachdenken, wie man die Investitionsanreize stärken kann, sagte Bofinger: "Dass also mehr Kreditmittel auf den Märkten von Investoren aufgenommen werden, und dann steigen auch die Zinsen wieder." Eine Hauptkritik aus Deutschland an der Politik des billigen Geldes ist, dass das niedrige Zinsniveau die Sparer belaste.

So drückte Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon am Donnerstag im ARD-Morgenmagazin seine Sorgen darüber aus, dass viele Menschen, die mit Versicherungen für ihr Alter vorgesorgt hätten, jetzt ungefragt zur Kasse gebeten würden: "Das ist ein ganz gefährlicher Weg, den die EZB da einschlägt." Allein in Deutschland würden Sparer, die fürs Alter vorsorgen, 15 Milliarden Euro verlieren: "Das sind vom Baby bis zum Großvater 200 Euro pro Kopf. Und das ungefragt. Und das Geld fehlt. Es ist weg."

Daran dürfte sich so schnell nichts ändern. Nach Einschätzung von DIW-Chef Marcel Fratzscher müssen Sparer noch mehrere Jahre mit niedrigen Zinsen leben. Während EZB-Präsident Mario Draghi stets schwammig von "einem längeren Zeitraum" spricht, erwartet Fratzscher, dass die Zinsen für die kommenden zwei bis drei Jahre so niedrig wie jetzt bleiben werden: "Die Sparer müssen daher nach alternativen Sparmöglichkeiten suchen, im Inland wie im Ausland", sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) der "Berliner Zeitung" vor der mit Spannung erwarteten Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) am (heutigen) Donnerstag.

Fratzscher zeigte Verständnis für die Klagen über die Folgen für Sparer. "Die Niedrigzinspolitik trifft die Sparer hart, da sie schwerer Vorsorge betreiben können", sagte der DIW-Chef. Er verteidigte aber auch die Strategie der Währungshüter: "Höhere Zinsen würden die noch immer niedrige Wirtschaftsleistung weiter schwächen und noch mehr Menschen ihre Beschäftigung kosten."

Im Kampf gegen die extrem niedrige Inflation dürfte die EZB abermals die Zinsen senken. Das haben mehrere Ratsmitglieder relativ klar angedeutet. Erwartet wird, dass der Leitzins vom aktuellen Rekordtief von 0,25 Prozent um weitere 0,10 oder 0,15 Punkte gedrückt wird. Niedrige Zinsen können die Konjunktur ankurbeln und den Preisauftrieb beschleunigen. Gleichzeitig dürfte die EZB erstmals einen Strafzins von Geschäftsbanken verlangen, die ihr überschüssiges Geld bei der Zentralbank parken, statt es in Form von Krediten an Unternehmen und Verbraucher weiterzugeben.

Grünen-Finanzexperte Gerhard Schick warnte angesichts des billigen Geldes vor "Risiken und Nebenwirkungen". In der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Donnerstag) sagte er: "Die Anleihe-, Aktien- und Immobilienmärkte zeigen erste Zeichen einer Überhitzung, auf der Suche nach Rendite werden auch toxische Altlasten wieder zu einer lukrativen Investition."