Tel Aviv/Gaza (dpa) - Im eskalierten Nahost-Konflikt geraten neben den Palästinensern im Gazastreifen auch immer mehr Israelis ins Visier von Raketenangriffen. Ungeachtet aller internationaler Friedensappelle weitete sich der gegenseitige Beschuss aus. Militante Palästinenser griffen erstmals seit Jahren wieder Jerusalem und Tel Aviv an.

Im Gazastreifen stieg die Zahl der Toten bei israelischen Luftangriffen nach palästinensischen Angaben auf 51. Auf der Gegenseite schlug ein Geschoss der Hamas sogar in der Küstenstadt Chadera ein, knapp 120 Kilometer vom Gazastreifen entfernt. So weit hatten militante Palästinenser nie zuvor eine Rakete geschossen.

Nach Schätzungen befindet sich mittlerweile die Hälfte der acht Millionen Israelis in Reichweite der Hamas-Raketen. Es gab sogar unbestätigte Berichte von Einschlägen im Norden des Landes. Berichte über Opfer auf israelischer Seite lagen nicht vor. In der Vergangenheit waren vor allem Orte in einer Entfernung bis 40 Kilometer zum Gazastreifen angegriffen worden.

In dem von der Hamas kontrollierten Gazastreifen mehrten sich die Berichte über zivile Opfer. Bei einem Luftangriff wurden nach palästinensischen Angaben fünf Familienangehörige getötet, darunter eine Frau und zwei Kinder. Die palästinensische Nachrichtenagentur Ma'an vermeldete den Tod von bislang 51 Palästinensern. Zudem seien mehr als 450 Menschen im Gazastreifen verletzt worden. Seit der Nacht auf Dienstag haben Israels Luftstreitkräfte insgesamt mehr als 400 Tonnen Raketen über dem Gazastreifen abgefeuert, wie die Zeitung "Haaretz" berichtete.

In der Nähe eines SOS-Kinderdorfes in Rafah im Gazastreifen gingen nach Angaben der Organisation 15 israelische Raketen auf Hamas-Camps nieder. Die Kinder des Dorfes seien durch die Detonationen traumatisiert. Aus Sicherheitsgründen dürften sie das Dorf nicht mehr verlassen.

Erstmals seit dem Gaza-Krieg Ende 2012 griffen militante Palästinenser wieder Jerusalem und Tel Aviv mit Raketen an. Dort heulten am Dienstagabend und am Mittwoch die Sirenen. Über dem Großraum Tel Aviv wurde am Mittwochnachmittag wieder eine Rakete abgefangen. Im Stadtzentrum war ein dumpfer Knall zu hören.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte nach einer Beratung mit Militärs: "Wir haben entschieden, die Angriffe auf die Hamas und andere Terrororganisationen in Gaza noch weiter zu verstärken." Die Armee sei "auf alle Möglichkeiten vorbereitet". Staatspräsident Shimon Peres warnte im CNN-Interview, sein Land könne "schon bald" eine Bodenoffensive starten, sollte die Hamas nicht mit dem Raketenbeschuss aufhören.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) schaltete sich in die internationalen Bemühungen um eine Friedenslösung ein. Merkel habe in einem Telefonat mit Netanjahu die Raketenangriffe auf Israel scharf verurteilt, sagte eine Regierungssprecherin am Mittwochabend in Berlin. Es gebe keinerlei Rechtfertigung dafür. Netanjahu sprach am Mittwoch auch mit US-Außenminister John Kerry und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon über den jüngsten Ausbruch der Gewalt.

EU und USA warnten vor einer weiteren Eskalation der Gewalt und forderten die Konfliktparteien zur Mäßigung auf. Ziel müsse eine Waffenruhe sein. Friedensgespräche zwischen Israel und den Palästinensern unter US-Vermittlung waren im April gescheitert.

Israel will mit der in der Nacht zum Dienstag gestarteten Offensive den ständigen Raketenbeschuss seiner Städte unterbinden. Insgesamt seien rund vier der acht Millionen Menschen in Israel durch Raketen aus dem Gazastreifen bedroht, sagte ein Armeesprecher.

Die israelische Armee setzte in der Nacht zum Mittwoch ihre massiven Angriffe im Gazastreifen fort. Insgesamt seien 290 Ziele beschossen worden, teilte das Militär mit. Seit Beginn der Militäroperation in der Nacht zuvor hätten Luftwaffe und Marine 560 Ziele angegriffen. Militante Palästinenser im Gazastreifen hätten in diesem Zeitraum mehr als 300 Raketen auf Israel abgefeuert. Davon habe die Raketenabwehr 56 abgefangen. Allein über dem Großraum Tel Aviv seien fünf Raketen abgefangen worden.

Präsident Mahmud Abbas versammelte die Palästinenserführung am Mittwoch zu einem weiteren Krisentreffen. Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi sicherte Abbas nach palästinensischen Angaben am Telefon zu, sein Land werde sich für eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas einsetzen. Abbas sprach in einer Fernsehansprache von einer "vorsätzlichen und brutalen israelischen Aggression" im Gazastreifen. Die Arabische Liga forderte den UN-Sicherheitsrat in New York auf, eine Dringlichkeitssitzung wegen der Lage in Nahen Osten einzuberufen.

US-Präsident Barack Obama betonte, dass die USA weiterhin eine Zweistaatenlösung für den einzigen Weg zu dauerhaftem Frieden in Nahost halten. "Die einzige Lösung ist ein demokratischer jüdischer Staat, der in Frieden und Sicherheit lebt, Seite an Seite mit einem existenzfähigen, unabhängigen Palästinenserstaat", schrieb er in einem Beitrag, der am Donnerstag in der Wochenzeitung "Die Zeit" erscheint. Die amerikanische Unterstützung für Israel bezeichnete Obama als nicht verhandelbar.

Israelische Armee auf Twitter

Mitteilung des Europäischen Auswärtigen Dienstes - Englisch

Deutschlandradio Kultur zum Nachhören

Analyse zur politischen Situation der Palästinenserführung, CFR, engl.

Analyse der Lage in Nahost, Foreign Policy, engl.

Analyse: Kann die Einheitsregierung der Palästinenser überleben?, Carnegie, engl.

Analyse zu den Beziehungen Israel-Palästinenser, WSJ-Blog, engl.