Baku (SID) - 100 Tage vor Eröffnung der ersten Europaspiele in Aserbaidschans Hauptstadt Baku (12. bis 28. Juni) hat Amnesty International ein verheerendes Urteil über das Ausrichterland gefällt. In einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht verwies die Menschenrechtsorganisation auf "zahlreiche Fälle von Aktivisten, Journalistinnen und Oppositionellen, die bedroht, brutal geschlagen und aufgrund konstruierter Anschuldigungen inhaftiert wurden".

Laut Amnesty International befänden sich in dem Land am Kaspischen Meer derzeit "mindestens 22 politische Gefangene in Haft", viele würden auch in dringenden Fällen nicht medizinisch versorgt werden. "Gäbe es Medaillen für die Anzahl inhaftierter Kritiker, wäre der aserbaidschanischen Regierung ein Platz auf dem Siegerpodest sicher", erklärt Marie Lucas, Aserbaidschan-Expertin von Amnesty International in Deutschland.

Nach Ansicht von Amnesty International seien die European Games nach dem Eurovision Song Contest nur ein weiteres strategisches Mittel der Regierung des umstrittenen Staatspräsidenten Ilham Alijew, "mit viel Glanz und Glamour ihr Image aufzupolieren und so ausländische Unternehmen anzulocken".

Aserbaidschan, das bereits im Vorjahr von der Organisation "Reporter ohne Grenzen" auf der Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 160 von 180 geführt wurde, wird 2016 zudem erstmals ein Formel-1-Rennen ausrichten. Als vorläufiger Höhepunkt werden bei der paneuropäischen Fußball-EM 2020 im Nationalstadion von Baku drei Vorrundenspiele sowie ein Viertelfinale stattfinden. Das große Ziel des Landes ist die Ausrichtung von Olympischen Sommerspielen - bei der Vergabe für 2016 und 2020 war Baku allerdings leer ausgegangen. Eine weitere Bewerbung als Konkurrent von unter anderem Hamburg oder Berlin für die Spiele 2024 ist nicht ausgeschlossen.

Entgegen der negativen Stimmen hatten sich die Organisatoren der Europaspiele zuletzt zuversichtlich über die Einhaltung der Menschen- und Presserechte gezeigt. Im Gespräch mit dem SID unterstrich OK-Chef Simon Clegg das Ziel, sich vor den Augen von 6000 Athleten aus 20 Sportarten als guter Gastgeber zu präsentieren: "Ich wünsche mir, dass die Athleten Baku Ende Juni nach den Europaspielen verlassen und von einem fantastischen Sportevent sprechen."