Berlin (SID) - Der Cyberkrieg im internationalen Sport sorgt für großes Aufsehen und hat den weltweiten Anti-Doping-Kampf schon jetzt enorm geschwächt.

Was ist passiert? 

Russische Hacker waren mit ihrem Angriff auf das Meldesystem ADAMS der Welt Anti Doping Agentur WADA in Montreal erfolgreich. Die Veröffentlichung der vertraulichen Unterlagen auf ihrer Website (www.fancybear.net) sorgt in der internationalen Sportwelt für viel Wirbel.

Welche Athleten sind betroffen? 

Bislang wurden die Daten von 29 Sportlern veröffentlicht. Dazu zählen auch fünf deutsche Athleten: Die Leichtathleten Robert Harting und Christina Obergföll sowie die Schwimmer Christian vom Lehn, Franziska Hentke und Christian Reichert. Auch die beiden britischen Tour-de-France-Sieger Christopher Froome und Bradley Wiggins oder die US-Tennis-Ikonen Serena und Venus Williams sind betroffen.

Welche Daten wurden bekannt? 

In der Regel sind es Ausnahmegenehmigungen, die es den Sportlern erlauben, wegen Erkrankungen Medikamente zu nehmen, die auf der Doping-Liste stehen. Dabei handelt es sich oft um Mittel gegen Asthma, Allergien oder leichte Verletzungen.

Ist die Einnahme der Mittel verboten? 

Nein, eben weil die Ausnahmegenehmigungen (TUEs) ausgestellt wurden. Dopingvergehen lagen bislang in keinem Fall vor. Dennoch wächst die Kritik an den Sonderregeln, weil die Anzahl der TUEs enorm angewachsen ist. 2013 sind 636 TUEs bei der Wada registriert worden, 2014 waren es 897 und 2015 bereits 1330.

Können TUEs leistungssteigernd wirken?

Viele Experten meinen: ja. Deswegen erschleichen sich Sportler TUEs auch immer wieder unter der Vortäuschung falscher Tatsachen. Der TUE-Bereich ist eine Grauzone im Anti-Doping-Kampf. Die WADA kann aber nicht außer Acht lassen, dass kranke oder verletzte Athleten eigentlich verbotene Medikamente tatsächlich benötigen.

Warum die Aufregung bei den Athleten, wenn kein Dopingverstoß vorliegt? 

Die Athleten sind verunsichert, weil vertrauliche Unterlagen über ihre Krankheiten und deren Behandlungen im Netz für jedermann einsehbar sind. Außerdem sollen weitere Enthüllen folgen. Die Nationale Anti-Doping-Agentur NADA in Bonn befürchtet, dass die Athleten mehr und mehr misstrauisch werden und ihre Aufenthaltsorte für Dopingproben im ADAMS nicht mehr angeben wollen.

Was kann die WADA tun? 

Die WADA muss unbedingt die Sicherheitsstandards für ihre Datenbanken erhöhen. Dazu benötigt sie mehr Geld. In dem Punkt ist nach Meinung von Doping-Experte Perikles Simon auch der olympische Sport gefordert, der Milliarden umsetzt, für den Anti-Doping-Kampf aber nur einen Bruchteil dessen zur Verfügung stellt.

Ist das der erste Hacker-Angriff auf die WADA?

Nein, schon im August gab es einen Angriff. Damals wollten die Täter offenbar an die Daten von Whistleblowerin Julia Stepanowa gelangen. Die Leichtathletin hat nach ihren Enthüllungen zum Doping im russischen Sport Morddrohungen erhalten und lebt mit ihrer Familie mittlerweile an einem unbekannten Ort.

Warum gibt es weitere Hacker-Angriffe? 

Es wird auch vermutet, dass die Fancy-Bear-Aktivitäten eine Art Racheakt sein könnten, nachdem russische Sportler wegen Staatsdopings von den Olympischen Spielen in Rio ausgeschlossen worden waren. Ausgangspunkt war der von der WADA in Auftrag gegebene McLaren-Report. Der Kreml bestreitet jegliche Beteiligung Moskaus an Fancy Bear. Russlands Sportminister Witali Mutko stellte sogar in Frage, dass die Gruppe aus Russland käme. Niemand könne das beweisen.

Sind die Fronten verhärtet? 

Es gibt Anzeichen einer Annäherung. Moskau hat am Donnerstag im Kampf gegen die Hacker seine Unterstützung angeboten. Zuvor hatte WADA-Generaldirektor Oliver Niggli die russische Regierung aufgefordert, die kriminellen Aktivitäten zu stoppen. Niggli drohte mit Konsequenzen. Anhaltende Cyber-Attacken würden den Wiederaufbau eines regelkonformen Anti-Doping-Systems in Russland verhindern und dazu beitragen, dass die Rehabilitierung Russlands nach dem Doping-Skandal in weite Ferne rückt.