Lausanne (SID) - Sportrechtsexperte Michael Lehner hat nach der Sperre gegen fünf weitere russische Athleten und der erstmaligen Veröffentlichung einer Urteilsbegründung durch die Oswald-Kommission des IOC einen Komplett-Ausschluss der russischen Mannschaft von Olympia in Pyeongchang (9. bis 25. Februar) gefordert.

Für Lehner habe Oswald das systematische Doping in Russland mit Beteiligung des Verbandes bestätigt. "Wenn der Athlet lebenslang gesperrt wird, dann muss die Schuld des Systems mindestens genauso groß sein. Das wäre nur logisch", sagte der Heidelberger Experte dem SID und forderte den Ausschluss der Sportgroßmacht für die Winterspiele in Südkorea, zumal sich im Riesenreich in den letzten Monaten nichts entscheidend verbessert habe.

Letztendlich könne man einem einzelnen Athleten vielleicht noch eher verzeihen, weil dieser unter Druck stehe. "Er ist doch im System sehr unfrei und unbeweglich", sagte Lehner. Generell seien die lebenslangen Strafen für Athleten sehr hart, meinte Lehner, zumal es auch Erstverstöße sind und die Beweislage nicht immer ganz klar sei. "Das ist doch etwas überzogen", sagte der Wissenschaftler.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) entscheidet am kommenden Dienstag über einen möglichen Ausschluss Russlands von den Winterspielen. Grundlage sind die Ergebnisse einer weiteren IOC-Kommission, die sich mit der Frage befasst, inwieweit russische Politiker und Behörden in das Dopingsystem eingebunden waren.

Der Verzicht auf den Ausschluss könnte in den Augen Lehners auch eine "politische Konzessionsentscheidung" sein, nachdem man harte Einzelstrafen ausgesprochen habe. "Das wäre aber genauso schlimm wie das Doping-Vergehen an sich", sagte der Experte.

Bislang wurden durch die Oswald-Kommission bereits 19 russische Athleten, die bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 am Start waren, lebenslang für die Olympischen Spiele gesperrt.