Porto Alegre (dpa) - Wegen einer drohenden langen Gefängnisstrafe hat Brasiliens Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva seine Anhänger zu massivem Widerstand aufgerufen.

"Nur eine Sache holt mich von den Straßen dieses Landes: das kann nur der Tag sein, an dem ich sterbe", sagte der 72-Jährige zu tausenden Anhängern in Porto Alegre, wo heute die Berufungsverhandlung gegen eine Haftstrafe wegen Korruption begann. Im vergangenen Juli war er zu neuneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden, blieb aber auf freiem Fuß. Bei einer Bestätigung des Urteils drohte auch das Aus für das politische Comeback - er führt in den Umfragen zur Präsidentschaftswahl 2018.

Zehntausende Anhänger waren nach Porto Alegre gereist, das Gerichtsgebäude wurde hermetisch abgeriegelt, während drinnen die drei Richter stundenlang den Fall erörterten. Lula wird vorgeworfen, dass ein Baukonzern ein Appartement am Atlantik für ihn aufwendig modernisiert haben soll - im Gegenzug für Unterstützung bei Auftragsvergaben des Ölkonzerns Petrobras. "Eine Wahl ohne Lula ist ein Betrug", skandierten die nach Porto Alegre gereisten Anhänger.

Die Chefin der linken Arbeiterpartei (PT), Gleisi Hoffmann, hatte sogar mit Toten gedroht, wenn die Handschellen klicken sollten. "Wenn sie Lula festnehmen wollen (...), werden sie Leute töten müssen." In Rio de Janeiro demonstrierten dagegen hunderte Gegner. An der Copacabana wurde skandiert: "Lula ins Gefängnis".

Ex-Präsidentin Dilma Rousseff fürchtet einen "neuen Staatsstreich". "Ich glaube, der Putsch, der in Brasilien 2016 geschehen ist, ist kein isolierter Akt. Das ist ein Prozess. Und das Impeachment (Amtsenthebungsverfahren) gegen mich war der Eröffnungsakt", sagte sie der Zeitung "El País".

Rousseff, Nachfolgerin und Parteifreundin Lulas, war 2016 in einem umstrittenen Verfahren wegen angeblicher Haushaltstricksereien des Amtes enthoben worden - damit endete die mit Lula 2003 begonnene Regierungszeit der linken PT. Der konservative Michel Temer übernahm.

Lula bestreitet die Vorwürfe, er sei gar nicht der Eigentümer der Wohnung. Er verhedderte sich aber immer wieder in seinem Fall auch in Widersprüche oder versuchte Verantwortung auf seine verstorbene Frau abzuschieben. Es ist der vorläufige Höhepunkt in dem das Land seit fast vier Jahren erschütternden "Lava-Jato"-Korruptionsskandal um jahrelange Schmiergelder bei öffentlichen Auftragsvergaben.

Dutzende Manager und Politiker sitzen bereits hinter Gittern. Die PT-Anhänger werfen dem federführenden Richter Sérgio Moro, der Lula in erster Instanz zu den neuneinhalb Jahren Gefängnis verurteilte vor, einen politischen Prozess zu führen.

Selbst wenn Lulas Urteil in Porto Alegre bestätigt werden sollte, könnte er aber nach Einschätzung von Experten auf freiem Fuß bleiben dürfen - denn da hätte wohl das Oberste Gericht das letzte Wort. Aber Lula könnte unmittelbar von einer Kandidatur für die Präsidentschaftswahl ausgeschlossen werden.

Während seiner Zeit als Präsident des fünftgrößten Landes der Welt wuchs die Wirtschaft zeitweise kräftig - auch dank sprudelnder Öleinnahmen. Über 30 Millionen Menschen seien aus der Armut geholt worden, sagte Lula. Der fast alle Parteien erfassende Korruptionsskandal hat das Vertrauen in ihn und andere Politiker aber stark sinken lassen.

Daher könnte am Ende ein Außenseiter Präsident werden: Der rechtskonservative Jair Bolsonaro liegt in Umfragen auf Platz zwei. Er verherrlicht die Militärdiktatur und inszeniert sich als Donald Trump Brasiliens, der den Korruptionssumpf austrocknen will. "Ich bin eine Person, die komplett außerhalb des Establishments steht", betont Bolsonaro.

Trotz der Krise gewinnen Investoren wieder Vertrauen, die Arbeitslosenzahl sinkt und der Internationale Währungsfonds hat seine Wachstumsprognose für das Bruttoinlandsprodukt in Brasilien für 2018 auf 1,9 Prozent und für 2019 auf 2,1 Prozent hochgesetzt. Doch der Fall Lula hat das Zeug zu einer weiteren Polarisierung im Land.