Paderborn (dpa) - Eigentlich herrscht bestes Eisdielenwetter in Paderborn an diesem schönen Sonntagvormittag. Eigentlich. Denn schon früh macht sich in den Straßen eine gespenstische Atmosphäre breit.

Viele Paderborner lassen ihre Rollläden herunter. Absperrzäune sind aufgestellt. «Ich habe nur Ruhe erlebt. Was jetzt in der näheren Umgebung passiert, weiß niemand. Wir haben Gottvertrauen», sagt Wilhelmina Eickmann.

Sie ist am Morgen von einem Verwandten aus einem Altenheim abgeholt worden. Der Grund: Ein riesiger Weltkriegsblindgänger muss mitten in Paderborn entschärft werden. Mehr als 26 000 Menschen sollen ihre Häuser verlassen.

Im Sperrgebiet liegen vier Krankenhäuser, mehrere Altenheime, Teile der historischen Altstadt. Mehr als 1000 Einsatzkräfte von Feuerwehr, Rettungsdienst und Technischem Hilfswerk wurden zusammengezogen. Der Bahnverkehr muss zeitweise ruhen. Das Stadion des Fußballclubs SC Paderborn, der Schützenplatz und die Maspernhalle werden zu Anlaufstellen für betroffene Bürger umfunktioniert. Insgesamt rund 2000 Menschen halten sich nachmittags dort auf.

Viele Paderborner versuchen, aus der Situation noch das Beste zu machen: Sie unternehmen einen Tagesausflug und verlassen die Stadt. So auch Lisa-Marie Brixius. «Ich weiß noch gar nicht, wohin. Aber wir fahren einfach los», sagt sie. Manche Leute seien jedoch völlig überfordert mit der Situation, schildert Birgit Merle vom Sozialen Dienst des Altenheims Pauline von Mallinckrodt, das nicht weit entfernt vom Fundort der Bombe liegt: «Für manche, die schon zwei Männer im Krieg verloren haben, ist es ein Schock.»

Die Weltkriegsbombe war durch Zufall entdeckt worden. Eine Familie hatte ihren Garten in einer innenstadtnahen Wohnsiedlung umgraben lassen - nur 80 Zentimeter unter der Erdoberfläche befand sich der britische Blindgänger des Typs HC 4000. «Wir dachten alle erst, es wäre ein Gas-Tank», berichtet Familienvater Stefan Werth. Eine Google-Recherche säte erste Zweifel an der Theorie.

Die Eckdaten des vermeintlichen Gas-Tanks: 1,8 Tonnen schwer, mit 1,5 Tonnen Sprengstoff gefüllt, zwei Meter lang, drei Kopfzünder. Übersetzt: enormes Zerstörungspotenzial. Die Druckwelle bei einer Explosion wäre gigantisch. «Es geht - so pathetisch es klingen mag - tatsächlich auch um Ihr Leben!», appellieren die Kampfmittelräumer an alle Bürger, sich an die Absperrmaßnahmen zu halten. Es ist die größte Evakuierungsaktion in der Geschichte der ostwestfälischen Stadt.

Die Krankenhäuser hatten die Vorlaufzeit von eineinhalb Wochen genutzt, um ihre Patientenzahlen so weit wie möglich zu reduzieren. Operationen, die nicht drängten, wurden verschoben und Patienten, bei denen es vertretbar war, entlassen.

Das Paderborner Brüderkrankenhaus begann schon am Donnerstag mit der Evakuierung. Am Sonntag mussten daher nur noch 41 Patienten verlegt werden. «Das hat es in der ganzen Geschichte des Krankenhauses nicht gegeben», sagt Sprecher Gerd Vieler. «Wir wussten gar nicht, ob sich so ein Krankenhaus überhaupt abschließen lässt.» Auf Facebook informierten sich mehr als 1500 Paderborner gegenseitig in einer Facebook-Gruppe.

Das grüne Licht zur Entschärfung der Bombe kommt am Sonntagnachmittag - gut zwei Stunden später als erwartet: Denn nach Abschluss der Evakuierung tauchen plötzlich noch rund 30 Menschen in der Sperrzone auf. «Es war tatsächlich so, dass nicht jeder Mensch wusste, dass heute eine Entschärfung stattfindet», sagt ein Sprecher der Polizei. Und das trotz der umfangreichen Informationen in den Tagen zuvor.

Um 17.02 Uhr ist es schließlich so weit: Entwarnung. Die Bombe ist entschärft, alles hat gut geklappt. «Wir sind natürlich alle unendlich dankbar», sagt Bürgermeister Michael Dreier. «Das hat Paderborn, ich glaube wie niemals zuvor, zusammengeschweißt.»

Informationen zur Bombenentschärfung