Münster (dpa) - Nach der Amokfahrt mit insgesamt drei Toten in Münster bleibt weiter unklar, warum ein Mann mit einem Kleinwagen mitten in der Stadt in eine Menschenmenge gerast ist.

Einen politischen Grund für die blutige Tat am Samstagnachmittag schließt die Polizei nach der Durchsuchung der vier Wohnungen des Fahrers aber zunächst aus.

«Die erste, doch schon etwas intensivere Durchsicht hat keinerlei Hinweise auf einen politischen Hintergrund ergeben», sagte der Polizeipräsident von Münster, Hajo Kuhlisch, am Sonntag in Münster. Die Ermittler gingen daher davon aus, «dass die Motive und Ursachen in dem Täter selber liegen».

Nach dpa-Informationen handelte es sich womöglich um einen psychisch labilen Einzeltäter, der in einer kleinen Ortschaft im Sauerland aufgewachsen ist. Münsters Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt bestätigte, der Mann sei «nach dem jetzigen Stand der Ermittlungen» vermutlich ein 48-Jähriger aus Münster.

Weitere Täter würden nicht gesucht, teilte die Polizei am Sonntag weiter mit. Man gehe von der Tat eines Einzeltäters aus, sagte eine Polizeisprecherin. Zunächst waren die Ermittler Zeugenaussagen nachgegangen, wonach zwei Menschen aus dem Auto gesprungen und geflüchtet sein sollten.

Auch der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) bekräftigte bei einem Besuch am Tatort, mit hoher Wahrscheinlichkeit habe ein Einzelner gehandelt. Der Mann sei Deutscher, es gebe keinen islamistischen Hintergrund. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und Reul betonten, es werde nie absolute Sicherheit geben werde. «Das geht nicht. Wir können nur das Bestmögliche machen», so Reul.

Nach der Amokfahrt sprachen Seehofer und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) gemeinsam Opfern und Angehörigen ihr Mitgefühl aus. «Wir hoffen inständig und beten dafür, dass die Verletzten wieder gesund werden», sagte Seehofer. Er dankte ebenso wie Reul Polizei und Sicherheitskräften - und auch den Medien, die sich verantwortungsbewusst verhalten und «sachgerecht» berichtet hätten.

Laschet lobte die Besonnenheit und Solidarität der Münsteraner nach der Tat. Er wünsche sich, dass «diese besondere Münsteraner Erfahrung einer Friedensstadt» auch diejenigen erreiche, die «ganz schnell bei Twitter und anderswo wieder das Hetzen begonnen haben». Für die Opfer sei die Religion der Täter egal, sie hätten einen Menschen verloren. «Und diesen Respekt sollte man immer im Blick haben.» Der NRW-Ministerpräsident war nach seinem Besuch am Tatort am Sonntag auch in das Universitätsklinikum gefahren, um verletzte Opfer zu besuchen, wie ein Regierungssprecher sagte.

Die Leitende Oberstaatsanwältin von Münster, Elke Adomeit, sagte, der mutmaßliche Täter sei der Polizei bereits wegen kleinerer Delikte bekannt gewesen. Es habe drei Verfahren in Münster gegeben und eines in Arnsberg aus den Jahren 2015 und 2016 - sie seien alle eingestellt worden. Es ging damals um eine Bedrohung, Sachbeschädigung, eine Verkehrsunfallflucht und Betrug. Man müsse den Sachverhalt der Verfahren noch aufklären. «Aber auf den ersten Blick haben wir hier keine Anhaltspunkte auf eine stärkere kriminelle Intensität, die wir bei dem Täter feststellen konnten», sagte Adomeit.

Der Mann war am Samstag um 15.27 Uhr mit einen silberfarbenen Campingbus im Zentrum von Münster in eine Menschengruppe vor einer beliebten Gaststätte gerast, danach hatte er sich im Wagen erschossen. Bei den beiden Todesopfern handelt es sich um eine 51-jährige Frau aus dem Kreis Lüneburg und einen 65-jährigen Mann aus dem Kreis Borken. In der Uniklinik gab es außerdem mehrere Notoperationen. Mindestens drei der mehr als 20 Verletzten schwebten zunächst weiter in Lebensgefahr.

Die Polizei durchsuchte insgesamt vier Wohnungen des Amokfahrers, aus denen sich keine Hinweise auf ein politisches Tatmotiv ergaben - zwei davon in Ostdeutschland, zwei in Münster. Bei der Durchsuchung fand die Polizei eine nicht brauchbare Maschinenpistole vom Typ AK47, wie es hieß. Auch unmittelbar nach der Amokfahrt hatten sich die Einsatzkräfte dem Campingbus mit großer Vorsicht genähert, da Beamte Drähte sahen, die ins nicht einsehbare Fahrzeuginnere führten.

Experten des Landeskriminalamts aus Düsseldorf untersuchten demnach auch das Fahrzeug auf mögliche Gefahren ausgiebig und gaben letztlich Entwarnung. Ermittler fanden im Wagen die Waffe, mit der sich der Täter erschossen hatte, sowie eine Schreckschusswaffe und rund ein Dutzend Feuerwerkskörper.

Nach den schrecklichen Bildern aus Münster suchen auch die Einwohner der Stadt weiter nach Erklärungen. «Die Menschen haben jetzt gemerkt, dass es auch für sie ein Restrisiko gibt. Nicht nur Berlin oder München - nein, es kann auch uns in Münster treffen, das haben die Menschen jetzt begriffen», sagt der Münsteraner Psychologe Steffen Fliegel.

«Zusätzlich macht es die Sache schwierig zu begreifen, weil die Menschen denken, das hätte man doch, im Gegensatz zu einem technischen Defekt an einem Fahrzeug, verhindern können», sagt der Psychologe. Aber das sei nicht richtig: «Wir müssen lernen damit zu leben, dass es in unserer Gesellschaft ein Restrisiko gibt», sagt Fliegel.

Bereits am Samstagabend versammelten sich Bürger, um gemeinsam zu trauern. Im Paulus-Dom in Münster sollte es am Sonntagabend einen ökumenischen Gedenkgottesdienst geben, den Bischof Felix Genn leiten wollte.

Die beiden von der Amokfahrt unmittelbar betroffenen Gaststätten am Kiepenkerl wollen sich mit der Rückkehr zum normalen Alltag Zeit lassen. «Der Betrieb ruht im Moment - und zwar so lange, bis die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sagen: Wir trauen uns das wieder zu, wir können die Arbeit hier wieder aufnehmen», sagte Martin Stracke, der Vorsitzende der Interessengemeinschaft Kiepenkerlviertel.

Pressemitteilung von Staatsanwaltschaft und Polizei Münster

Polizei Münster

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