Bremen (dpa) – Aktenberge im Büro. Barbara Lison, Bundesvorsitzende des Deutschen Bibliotheksverbandes und Mitglied der Weltvereinigung der Bibliotheksverbände IFLA, reist von einer Konferenz zur nächsten. Ihr Ziel: den Imagewandel der Bibliotheken stärken.

«Bibliotheken müssen Kathedralen für alle sein», sagt Lison. Noch vor 100 Jahren seien Bibliotheken elitäre Einrichtungen für Hochgebildete gewesen, heute gibt es Leseecken für Kinder, tagesaktuelle Zeitungen in den Heimatsprachen von Einwanderern, sogar Angebote für Analphabeten und eine Gefängnisbibliothek. 

Dafür wünscht sich Lison mehr Geld von der Politik: «Bibliotheken dürfen nicht als Suppenküchen für Arme wahrgenommen werden, sondern als wichtiger Ort in der Stadtgesellschaft.» In Finnland würden 84 Euro pro Person in Bibliotheken investiert, in Deutschland lediglich 11 Euro. 

In den Großstädten stoßen viele Bibliotheken längst an ihre Grenzen: Beispiel Berlin. Während der Klausuren-Phase sind die Arbeitsplätze im Jacob- und Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität umkämpft. Direktor Andreas Degkwitz spricht - mit Blick auf Leute, die schon früh morgens Liegestühle am Pool mit Handtüchern für den ganzen Tag belegen - von einem Mallorca-Effekt: «Wir haben Parkscheiben eingeführt, damit die Besucher die Plätze nicht ganztägig blockieren, ohne in der Bibliothek zu sein». Sicherheitspersonal sorgt für die Einhaltung der Reservierungszeit von 60 Minuten.

Im Gegensatz zur konzentrierten Ruhe in von Stararchitekt Max Dudler gestalteten Leseterrassen geht es im Foyer des Grimm-Zentrums um Austausch und Kommunikation. Gerade im Internet-Zeitalter brauche man solche Räume der Begegnung, sagt Degkwitz: «Bibliotheken sind die Schwimmbäder des 21. Jahrhunderts. Ich möchte nicht wissen, wie viele Ehen sich hier anbahnten und später wieder geschieden wurden.»

Auch die 2017 ausgezeichnete Universitätsbibliothek Leipzig müsste  während der Prüfungszeiten deutlich größer sein. «In dem Maße, in dem Inhalte online gehen, erleben die Lesesäle einen Boom», beobachtet Direktor Ulrich Johannes Schneider.

Der Imagewandel der Bibliotheken spiegelt sich auch in der Architektur. Die Stadtbibliothek Stuttgart steht auf der Liste der schönsten Bibliotheken der Welt. «Wenn ein Gebäude die Leute zu Diskussionen angeregt, hat man bereits gewonnen», sagt Direktorin Christine Brunner. Längst zieht der imposante Glaswürfel des koreanischen Architekten Eun Young Yi Touristen an. Nicht nur wegen der Dachterrasse mit City-Blick. Der Galeriesaal gehört mit seinen Flanierwegen zu den meist fotografierten Räumen in Stuttgart. 

Der Bau wurde 2011 für eine Million Besucher konzipiert worden. Im vergangenen Jahr seien 1,7 Millionen Menschen gekommen, rechnet Brunner vor, also fast doppelt so viele. Impulse geben ungewöhnliche Angebote. Im Erdgeschoss informieren digitale Großbildschirme über junge Autoren und Computerkunst. Schülerlotsen helfen älteren Menschen bei der Orientierung in der digitalen Welt. Spieleentwickler und Wikipedia-Autoren treffen sich hier.

Dass Stadtbibliotheken wegen des Arbeitszeitgesetzes sonntags nach wie vor nicht geöffnet sein dürfen, ist für Volker Heller, Manager der Zentral- und Landesbibliothek in Berlin-Mitte, ein Unding: «Freibäder, Museen, Kinos, selbst Bordelle haben am Sonntag auf, deshalb öffnen auch wir unsere Bibliothek als Kommunikationsort und lebendige Kulisse fürs Wohlfühlen.»

Seit einem halben Jahr finden hier sonntags Veranstaltungen wie  Puppentheater, chinesische Kalligraphie und Lach-Yoga statt. Jeweils bis zu 2500 Menschen würden diese Angebot wahrnehmen, so Hellers Bilanz: «Wir werden überrannt.» Besonders jung und international sei das Publikum gewesen, als eine brasilianische Bloggerin über ihr Single-Leben in Berlin und die Sehnsucht nach Liebe berichtet habe.

Deutscher Bibliothekenverband