Palu (dpa) - Oben auf dem Parkdeck der Grand Mall, des Einkaufszentrums von Palu, fühlen sich die Leute noch einigermaßen sicher. Einige filmen mit ihren Smartphones hinaus aufs Meer.

Zu sehen ist, wie eine mächtige Welle aufs Land zurollt. Langsam zwar, aber mit großer Gewalt. Als die Flut auf die Küste trifft, ist es mit dem Gefühl der Sicherheit vorbei. Das Bild verwackelt. Eine Frau ruft noch: «Gott, steh mir bei.» Dann ist alles schwarz.

Das war der Moment, in dem am Freitagabend ein Tsunami auf die Westküste der indonesischen Insel Sulawesi traf. Die vorläufige Bilanz, allein aus Palu, einer Stadt mit mehr als 350 000 Einwohnern: mindestens 384 Tote, mehr als 500 Verletzte, Dutzende werden noch vermisst. Niemand glaubt, dass es dabei bleibt.

Ähnlich wie hier sieht es vermutlich auch an vielen anderen Orten entlang der Küste aus. Befürchtet wird, dass die Opferzahl in die Tausende geht. Auch der Sprecher von Indonesiens Katastrophenschutzbehörde, Sutopo Nugroho, sagt: «Wir erwarten, dass die Zahlen noch steigen.» In dem Riesenland aus mehr als 17 000 Inseln, das auf dem Pazifischen Feuerring liegt, der geologisch aktivsten Zone der Erde, haben sie mit solchen Sachen Erfahrung.

Hier bebt die Erde immer wieder. Erst vor ein paar Wochen starben bei einer ganzen Serie von Erschütterungen auf Lombok, der Nachbarinsel von Bali, mehr als 500 Menschen. Auch Vulkanausbrüche sind in Indonesien keine Seltenheit. Aber solch einen Tsunami wie jetzt gab es schon länger nicht mehr - auch wenn sich alle jetzt natürlich an den verheerenden Tsunami von Weihnachten 2004 erinnern.

Von allen Ländern in der Region hatte Indonesien damals die meisten Toten von allen zu beklagen: mehr als 160 000. Seither sind die Leute besser vorbereitet. Wissen, dass sie landeinwärts flüchten sollen, auf höher gelegene Gebäude oder Straßen. Nicht allen hat das jetzt geholfen.

Bevor das Meer am Freitagabend wieder über Land hereinbrach, hatte auf Sulawesi, Indonesiens viertgrößter Insel, mehrmals die Erde gebebt. Das erste kräftige Beben hatte die Stärke 5,9. Am Abend, als es schon dunkel wurde, gegen 18.00 Uhr (Ortszeit), folgte das schlimmste: Stärke 7,4. Die Wellen, die dadurch ausgelöst wurden, waren bis zu drei Meter hoch.

Besonders schlimm hat es Palu getroffen: eine große Stadt, an der Westküste, gegenüber von Borneo, in einer Bucht gelegen, was alles wohl noch schlimmer gemacht hat. Auf Handy-Videos ist zu sehen, wie die Wassermassen ganze Häuser mit sich reißen. Und Menschen, Autos, Motorräder dazu.

Auch die große Moschee mit ihrer grünen Kuppel, wo sich die Gläubigen gerade aufs Freitagsgebet vorbereitet hatten, und die Grand Mall, auf deren Parkdeck die Leute die herannahende Welle filmten, sind schwer beschädigt. Eine andere Handy-Aufnahme ist von einem Mann draußen auf dem Meer, auf einem Boot. Er sagt: «Betet für mich, dass ich überlebe.» Nach allem, was man weiß, hat er es geschafft.

Zuvor schon war bei dem Beben eines der Wahrzeichen der Stadt eingestürzt, die Ponulele-Brücke mit ihren gelben Bögen, eingeweiht erst 2006. Im Hafen kippten auch mehrere Kräne um. Die Krankenhäuser berichten recht schnell von vielen Dutzend Toten. Vor der Notaufnahme wurden Verletzte draußen im Freien behandelt. Der Direktor der staatlichen Undata-Klinik, Komang Adi Sujendra, fleht: «Wir brauchen jede Hilfe, die wir bekommen können.»

So einfach ist das nicht. Durch das Beben sind auch zahlreiche Strom- und Kommunikationsleitungen zerstört. Das genaue Ausmaß der Katastrophe ist deshalb auch nach 24 Stunden noch nicht abzusehen. Palus Flughafen bleibt bis auf weiteres geschlossen, weil die Beben auch die Landebahn beschädigt haben. Nur Hubschrauber dürfen landen. Das Militär will trotzdem auch Hercules-Transportflugzeuge schicken, damit Hilfe in die Region kommt.

Außer Palu sind an der Westküste auch mehrere andere Gemeinden in Mitleidenschaft gezogen, insbesondere die Stadt Donggala weiter oben im Norden. Das Zentrum des Bebens war von dort nur 20 Kilometer entfernt. Tausende Unterkünfte sollen zerstört sein. Auf Fotos sind Dutzende Leichen zu sehen, die am Strand liegen, im Schlamm und in Trümmern. Aber es wird wohl Tage dauern, bis man weiß, wie groß die Katastrophe tatsächlich ist.

Auch deshalb appellierte Indonesiens Präsident Joko Widodo am Samstag an seine Landsleute auf Sulawesi - insgesamt mehr als 17 Millionen -, trotz allem Ruhe zu bewahren. Hilfe sei auf dem Weg. Dann fügte der Chef des 260-Millionen-Einwohner-Landes, der nächstes Jahr wiedergewählt werden will, noch hinzu: «Lasst uns dieses Leid gemeinsam überstehen.» Auch damit haben sie in Indonesien Erfahrung.