Straßburg (dpa) - Blaulicht und Sirenengeheul statt besinnlicher Feststimmung: Der berühmte Straßburger Weihnachtsmarkt - jedes Jahr Anziehungspunkt für hunderttausende Touristen - ist am späten Abend abgeriegelt.

Schwer bewaffnete Polizisten bewachen die verbarrikadierten Zugänge und lassen nur die ständig heranrasenden Polizeiautos durch. Gegen 20 Uhr am Dienstagabend war in der Umgebung des Weihnachtsmarktes geschossen worden. Schnell spricht die Polizei von einem terroristischen Hintergrund. Der mutmaßliche Täter soll nach Medienberichten ein knapp 30-jähriger Straßburger sein. Drei Menschen starben, wie der müde wirkende Innenminister Christophe Castaner mitten in der Nacht bei einer Presseerklärung in Straßburg sagt. Zwölf Menschen wurden demnach verletzt, sechs von ihnen sehr schwer. Laut Castaner ist der mutmaßliche Täter polizeibekannt und wurde bereits wegen Delikten in Frankreich und Deutschland verurteilt.

Weil der Mann auf der Flucht ist, herrscht bis tief in die Nacht Großalarm in der elsässischen Metropole, die sich so stolz «Weihnachtshauptstadt» nennt. Menschen, die in der Nähe des Tatorts wohnen, können nicht nach Hause und stehen ratlos vor den Absperrgittern.

Ein 73-Jähriger, der noch am Abend Bücher auf dem zentralen Place Kléber verkauft hatte, erzählt, dass nach den Schüssen alle Menschen aus der Gefahrenzone gebracht worden seien. «Irgendwann musste das passieren», sagt er fatalistisch. Der Straßburger Weihnachtsmarkt sei wegen seiner Bekanntheit einfach ein prädestiniertes Ziel. Angst habe er eigentlich keine, sagt ein anderer Buchverkäufer. Aber mulmig werde ihm bei dem Gedanken an mögliche Mittäter.

Hermetisch abgeschirmt ist über lange Stunden auch das Viertel rund um die Route de l'Hôpital, ganz in der Nähe des Straßburger Polizeipräsidiums. In dem Straßburger Stadtviertel Neudorf ist kaum ein Mensch zu sehen. Über den dunklen Straßen kreisen lärmende Hubschrauber. Sirenen heulen, immer wieder rasen Polizeiautos vorbei. Anwohner werden von der örtlichen Präfektur aufgefordert, das Gebiet zu meiden. Offensichtlich gehen die Sicherheitskräfte zeitweise davon aus, dass sich der flüchtige Terrorverdächtige noch in der Nähe aufhält.

Rund um die Polizeipräfektur ist die Anspannung groß. Als sich ein offenbar Betrunkener der Absperrung nähert, fordern ihn Polizisten schreiend zur Umkehr auf. Er kommt jedoch immer näher, bis die Sicherheitskräfte ihre Waffen auf ihn richten und ihn auffordern, die Hände zu heben. Schließlich macht der Mann kehrt und verschwindet.

In einer Seitenstraße kniet ein Polizist in schwerer Schutzkleidung neben einem Auto. Plötzlich hebt er seine Waffe und richtet sie auf ein unbekanntes Ziel. Immer wieder gellen Schreie durch die Straßen, wenn Menschen sich den Einsatzkräften nähern. Polizisten gehen mit Taschenlampen durch die Straßen.

Am Grenzübergang zu Deutschland in Kehl kontrolliert die Polizei am Abend die Autos, die von Straßburg aus kommen. Auf der Brücke über den Rhein staut sich der Verkehr. Eine Straßenbahn-Verbindung über die Grenze wird eingestellt. In ganz Straßburg sind unzählige Polizeiautos unterwegs.

Das EU-Parlament, das in dieser Woche in Straßburg tagt, ist über Stunden komplett abgesperrt. Niemand darf das Gebäude verlassen. Der SPD-Abgeordnete Arne Lietz erzählt, er habe mitten in einer Fraktionssitzung von den Schüssen erfahren. Er sei angewiesen worden, seine Mitarbeiter zu informieren. Das Parlament arbeite aber weiter. Eine seiner Mitarbeiterinnen sei den Abend über von der Polizei in einem Restaurant in der Innenstadt festgehalten worden, berichtet Lietz weiter. Erst am späten Abend habe sie das Lokal verlassen dürfen. Am frühen Mittwochmorgen wird die Blockade aufgehoben.

Der Polizeieinsatz läuft bis in die frühen Morgenstunden, der Gesuchte, der angeblich verletzt ist, ist weiter auf der Flucht.