Kassel (dpa) - Der scheidende Chefbundestrainer der deutschen Schwimmer, Henning Lambertz, warnt vor schwierigen Zeiten für zwei olympische Kernsportarten in Deutschland.

«Die Erfolgsbilanz in Sportarten wie der Leichtathletik oder dem Schwimmen wird punktuell bleiben. Da müssen in Deutschland größere Anstrengungen angestellt werden als in den vergangenen Jahren», sagte Lambertz der Deutschen Presse-Agentur.

Der 48-Jährige legt am Jahresende sein Amt als Bundestrainer nieder und will mehr Zeit mit seiner Familie verbringen. Immer wieder hatte Lambertz, der 2013 zum Chefbundestrainer befördert worden war, auf Probleme des Spitzensports in Deutschland hingewiesen. Lambertz wünschte sich wiederholt mehr Geld für seine Sportart, in der es eine gewaltige internationale Konkurrenz gibt. Bei den Olympischen Spielen in London und Rio gingen die deutschen Beckenschwimmer leer aus.

Lambertz selbst will in Ruhe über seine Zukunft nachdenken. «Ich würde mich sehr freuen, wenn ich weiter mit Topathleten arbeiten kann», sagte er. «Ich würde gerne an einem Stützpunkt oder in einem größeren Verein all das Wissen der vergangenen Jahre weitergeben.»

Der Deutsche Olympische Sportbund zeigte Verständnis für den Rückzug von Lambertz. «Die Gründe, die Henning Lambertz zu seiner Entscheidung bewogen haben, sind gut nachvollziehbar», sagte Dirk Schimmelpfennig, Vorstand Leistungssport des DOSB, der Deutschen Presse-Agentur.

Schimmelpfennig betonte aber zugleich, dass der Deutsche Schwimm-Verband «nach den jüngsten personellen Veränderungen gerade auch im Leistungssport vor großen Herausforderungen» stehe. Vor knapp zwei Wochen war schon DSV-Präsidentin Gabi Dörries zurückgetreten.

Bei den Olympischen Spielen 2012 in London und 2016 in Rio de Janeiro waren die Schwimmer ohne Medaillen geblieben. Sie stehen nun bei der WM im nächsten Sommer im südkoreanischen Gwangju und in zwei Jahren in Tokio unter besonderem Erfolgsdruck. «Die Vorbereitungen auf die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio nun gezielt mit einem Trainerteam für das Beckenschwimmen anzugehen, erachten wir in der aktuellen Situation als sehr sinnvoll», erklärte Schimmelpfennig.

Der Deutsche Schwimm-Verband gab einen einen Tag nach dem angekündigten Rücktritt von Chefbundestrainer Lambertz weitere Details zur Neuaufstellung bei der Betreuung der Nationalmannschaften bekanntgegeben. Der DSV bekräftigte, den Job des Cheftrainers bis zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio nicht neu zu besetzen. Stattdessen werde ein «Team Tokio 2020» die Schwimmer auf ihrem sportlichen Weg nach Japan betreuen.

«Team Tokio 2020 wird eine Leistungspartnerschaft auf der Basis von Vertrauen, Innovation und Kompetenz sein», wird DSV-Leistungssportdirektor Thomas Kurschilgen in einer Verbandsmitteilung zitiert. Mehrere Trainer sollen mit Experten aus den Bereichen Gesundheitsmanagement, Trainingswissenschaft und Ernährungswissenschaft zusammenarbeiten.

Doppel-Olympiasiegerin Britta Steffen sieht den Deutschen Schwimm-Verband in einem traurigen Zustand. «Der DSV ist nun ein verlassenes Waisenkind, ich hoffe, es gibt einen Neustart, der anders ist als das, was bisher als "neu" galt», sagte die frühere Weltklasseschwimmerin der Deutschen Presse-Agentur.

Steffen, die bei der WM 2013 unter Cheftrainer Lambertz aktiv war, bedauert die Rücktritte. «Nun sind wir an einem sehr tiefen Punkt, es wird Zeit, dass sich der DSV professionalisiert. Frau Dörries würde ich zurückbitten, sie fest anstellen, ihr ein Budget geben und ihr einige ehrenamtliche Berater zur Seite stellen, die als Schnittstelle zu den Athleten fungieren», sagte Steffen. «Allerdings geht eine Festanstellung nach deutschem Vereinsrecht nicht für Präsidiums- bzw. Vorstandsmitglieder. Das ist leider ausdrücklich ausgeschlossen. Aber zurückbitten kann man sie ja trotzdem.»

Ein Aufwärtstrend im deutschen Schwimmen wird es nach Ansicht der 2013 zurückgetretenen Steffen nicht aus dem System heraus geben. «Im besten Fall: Irgendwie wird es immer mal ein Talent geben, das auf den passenden Trainer trifft und so wird es immer mal einzelne Erfolge geben, aber zufällige und keine systematischen. Leider», sagte die 35-Jährige.

Kurzprofil Schimmelpfennig auf DOSB-Homepage