Berlin (dpa) - Wenn Festivalchef Dieter Kosslick auf den Teppich tritt, dann nur mit Markenzeichen. «Ich werde meinen roten Schal tragen. Sonst besteht die Gefahr, dass man mich nicht erkennt», sagte Kosslick scherzhaft der Deutschen Presse-Agentur.

Kommende Woche (7. Februar) beginnen die Internationalen Filmfestspiele in Berlin. Für Kosslick wird es die letzte Berlinale als Direktor sein.

Viel Zeit habe er nicht, um über seinen Abschied nachzudenken. «Wir sind mittendrin in der Berlinale-Maschinerie», sagt Kosslick.

Der Teppich ist diesmal übrigens aus recycelten Fischernetzen. Erwartet werden unter anderem Leinwandstar Catherine Deneuve und US-Schauspieler Christian Bale. Oscar-Preisträgerin Juliette Binoche («Chocolat») ist in diesem Jahr die Jurychefin. Mit ihrem Team entscheidet sie, welche Kandidaten am Ende Preise bekommen.

«Das Programm werden wir subsumieren unter dem 68er feministischen Spruch: 'Das Private ist politisch'», sagte Kosslick vorab. Es seien überwiegend private Themen, die von Filmemachern abgehandelt worden seien. Familie scheine dabei ein zentrales Thema zu sein.

Im Wettbewerb läuft zum Beispiel Nora Fingscheidts «Systemsprenger» über das Jugendamt. Angela Schanelecs «Ich war zuhause, aber» erzählt vom Verschwinden eines Kinds. Und Isabel Coixet nimmt sich in «Elisa y Marcela» eine Liebesgeschichte zwischen Frauen vor. Dass Netflix die Vertriebsrechte an dem Film hält, könnte für Debatten sorgen.

Auch der Eröffnungsfilm «The Kindness of Strangers» von Lone Scherfig handle von einer schwierigen Familienkonstruktion. «Obwohl es eine Komödie ist, die auch noch gut ausgeht. Versprochen», sagte Kosslick. Familie sei ein großes Thema. «Ich glaube, das hat auch damit etwas zu tun, dass je größer dieser ganze Globalisierungswahnsinn wird, desto mehr sehnen sich die Menschen nach Geborgenheit.»

Bei der 69. Berlinale dürften Filme oft zeigen, wo es in Familien hakt. Sonst steht kaum Hollywood, aber viel Kritisches im Programm. Erwartet wird Mafia-Kritiker Roberto Saviano. Regisseur François Ozon widmet sich dem Missbrauch in der Kirche. Neben Fingscheidt und Schanelec tritt Fatih Akin als dritter deutscher Regisseur an. «Der Goldene Handschuh» handelt vom Serienmörder Fritz Honka.

Damit Kosslick bis zum 17. Februar durchhält, hat er ein paar Gewohnheiten. «Ich darf keine Erkältung bekommen», sagt der 70-Jährige. «Da gibt es Rituale: Ich nehme afrikanische Immuntropfen und trinke Ingwer-Zitronen-Wasser jeden Morgen und grünen Tee.»

Kosslick war mit Schal, Hut und leicht abstehenden Haaren jahrelang «Mr. Berlinale». Der gebürtige Pfälzer leitet die Filmfestspiele seit 2001. Neben Cannes und Venedig zählt die Berlinale zu den drei großen Festivals. Zuletzt hatte es aber Kritik an der Filmauswahl Kosslicks und dem immer größer werdenden Festival gegeben. Manche kritisierten, die Berlinale habe stark an Profil verloren. Prominente Regisseure forderten Ende 2017 einen inhaltlichen Neustart des Festivals.

Nun läuft Kosslicks Vertrag aus und eine Doppelspitze übernimmt. Der Italiener Carlo Chatrian wird künstlerischer Leiter, Mariette Rissenbeek übernimmt die Geschäftsführung. Beide wollten sich vorab nicht äußern. Sie haben keine einfache Aufgabe vor sich: Zum einen hochkarätige Filme gewinnen, zum anderen Stars, auf die viele Fans hoffen. Anders als in Cannes und Venedig sind die Vorstellungen nämlich nicht nur Fachpublikum vorbehalten.

Die Berlinale verkauft jedes Mal rund 350.000 Kinokarten. Das mache die Berlinale am schönsten, sagt Kosslick. «Dass wir so viel Publikum erreichen konnten.» Debatten erwartet Kosslick darüber, wie gut Frauen mittlerweile in der Filmszene vertreten sind. Und zur Frage, wie Streamingdienste die Filmwelt verändern.

Netflix zeigt das Regiedebüt des Schauspielers Chiwetel Ejiofor: «The Boy Who Harnessed the Wind». Anders als in Cannes läuft mit dem Drama von Coixet auch im Wettbewerb ein Netflix-Film. Netflix produziert immer mehr Filme und gewann mit «Roma» sogar den Goldenen Löwen in Venedig. Kinobetreiber sehen es kritisch, wenn Filme schnell online zu sehen sind. «Wir würden den Film auch nicht zeigen, wenn er zuerst gestreamt werden würde und nicht ins Kino käme», sagt Kosslick. Coixets Film komme aber in Spanien ins Kino.

Auf Kosslick wartet nochmal das große Rampenlicht. Während der Berlinale müsse man alles ritualisieren. «Man darf nicht darüber nachdenken, wie der Ablauf ist, weil man sonst völlig durcheinander kommt», sagt er. «Es muss quasi laufen wie bei einem Mechaniker, der genau weiß, welche Schrauben er zu drehen hat.»

Auch bei seinem Schal gibt es eine Tradition. Seine richtig roten Schals seien 17, 18 Jahre alt. «Ich habe mir damals schon welche an die Seite gelegt», sagte Kosslick. «Ich habe einen, der noch originalverpackt ist. Den leiste ich mir zur diesjährigen Eröffnung.»

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