Mannheim (dpa) - Der Wegfall der EU-Zuckermarktordnung gefährdet die Arbeitsplätze zahlreicher Beschäftigter der Zuckerindustrie: Nach der Ankündigung von Stellenstreichungen bei Nordzucker erwägt Europas Branchenprimus Südzucker sogar Werksschließungen.

Diese seien nicht mehr ausgeschlossen, teilte das Unternehmen in Mannheim mit. Überdies solle die jährliche Zuckerproduktion von derzeit 5,9 Milliarden Tonnen um bis zu 700.000 Tonnen zurückgefahren werden. Das Ziel: 100 Millionen Euro weniger Kosten im Jahr.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hält einen Stellenabbau in den neun Südzuckerwerken mit 2100 Beschäftigten für möglich. Thomas Bernhard von der NGG forderte die Bundesregierung auf, sich für fairen Wettbewerb einzusetzen. Es könne nicht sein, dass 19 EU-Staaten Zuckerrübenbauern und Werke subventionierten und nur Deutschland die vor über einem Jahr getroffene Vereinbarung zu einem offenen Markt befolge - mit womöglich bitteren Folgen für die etwa 9000 Beschäftigten der gesamten Branche.

An diesem Mittwoch solle der Aufsichtsrat der Südzucker AG die Beschlüsse abnicken, teilte das Unternehmen mit. Zuvor hatten die Mannheimer das Segment Zucker vor dem Hintergrund des Preisverfalls bei Zucker innerhalb der EU und weltweit auf den Prüfstand gestellt. Aktionäre reagierten erfreut auf die beabsichtigten strukturellen Veränderungen, der Kurs lag zuletzt knapp 2 Prozent höher.

Zu schaffen mache den Zuckerherstellern auch die Diskussion über Zuckerreduktion und gesunde Ernährung, hieß es bei der NGG. So melde der Deutsche Süßwarenverband sinkende Umsätze.

Wegen des aus Branchensicht nur vermeintlich liberalisierten EU-Zuckermarktes rechnen die Mannheimer im laufenden Geschäftsjahr erstmals mit einem größeren Verlust in Höhe von 100 bis 200 Millionen Euro in der Zuckersparte - nach einem Gewinn von 139 Millionen Euro im Vorjahr. Weitere Sparten sind Bioethanol und Tiefkühlfertiggerichte.

Die NGG sieht Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) in der Pflicht, auf europäischer Ebene für mehr Chancengleichheit und eine einheitliche und verbindliche EU-Agrarpolitik zu dringen. «Mit der Abschaffung der Europäischen Zuckermarktordnung wurde, wie von der deutschen Politik gewünscht, der Markt für den Welthandel geöffnet», sagte Freddy Adjan, stellvertretender NGG-Chef. Doch dies hätte mit den richtigen politischen Maßnahmen flankiert werden müssen. «Dass in Europa jedes Land sein eigenes Subventionssüppchen kocht und sich viele nicht an die getroffenen Vereinbarungen halten, führt zu großen Nachteilen für die deutschen Unternehmen.»