Bangkok (dpa) - In Thailand hat die Politik wenige Wochen vor der geplanten Parlamentswahl eine völlig überraschende Wendung genommen. Die älteste Schwester des Königs, Prinzessin Ubolratana, kündigte am Freitag ihre Kandidatur für das Amt der Premierministerin an. Das gab es in der langen Geschichte des südostasiatischen Königreichs noch nie. Die 67-Jährige ist im Volk sehr populär.

Mit ihrer Bewerbung stellt sich die Prinzessin gegen Thailands Generäle, die seit einem Militärputsch 2014 an der Macht sind. Getragen wird die Kandidatur von einer Partei, die aus dem Umfeld der damals gestürzten Regierungschefin Yingluck Shinawatra kommt. Thailändische Medien sprachen von einer «Sensation». Offen blieb, ob Ubolratana ihren Bruder, König Maha Vajiralongkorn (66), vorab informierte und womöglich sogar dessen Rückendeckung hat.

Die Prinzessin steht nun als Mitglied des Königshauses direkt in Konkurrenz zum amtierenden Regierungschef Prayut Chan-o-Cha (64). Der Putsch-General hatte einst versprochen, sich nach getaner Arbeit aus der Politik zurückzuziehen. Am Freitag gab er - wie allgemein erwartet - jedoch bekannt, dass er Premierminister bleiben will, künftig allerdings für eine zivile Partei.

Die Wahl zum neuen Parlament ist nach wiederholter Verschiebung nun am 24. März geplant. Für das 68-Millionen-Einwohner-Land wäre dies ein wichtiger Schritt wieder in Richtung Demokratie. Verlässliche Umfragen gibt es bislang nicht. Weltweit wäre es ein Novum, wenn die Schwester eines amtierenden Königs demokratisch gewählte Regierungschefin würde.

Thailand wird seit 1782 von der Chakri-Dynastie beherrscht. Seit 1932 ist das Land eine konstitutionelle Monarchie. Das Königshaus hat nicht nur wegen seines enormen Reichtums großen Einfluss. Der alte König Bhumibol wurde bis zu seinem Tod 2016 - nach sieben Jahrzehnten auf dem Thron - gottesähnlich verehrt.

Heute steht Ubolratanas Bruder Maha Vajiralongkorn an der Spitze. Der 66-Jährige, der sich häufig in Deutschland aufhält, ist allerdings noch nicht offiziell gekrönt. Dies soll Anfang Mai geschehen - sechs Wochen nach der Wahl.

Über eine Kandidatur der Prinzessin war seit einigen Tagen spekuliert worden. Viele glaubten nicht daran. Schließlich bestätigte die Partei Thai Raksa Chart - gegründet von Anhängern der Shinawatras - die Gerüchte. Die Prinzessin selbst verbreitete auf Instagram die Botschaft: «Wir werden zusammen vorangehen. An alle Bürger Thailands Danke für Eure Liebe und Unterstützung.»

Die «Königliche Hoheit» - mit vollem Namen Thunkramom Ying Ubolratana Rajakanya Sirivadhana Barnavadi - hat enge Kontakte zu den Shinawatras, die Thailands Politik seit langem mitbestimmt. Familienoberhaupt Thaksin Shinawatra wurde 2006 als Premierminister vom Militär gestürzt. Acht Jahre später ereilte seine Schwester Yingluck das gleiche Schicksal. Beide leben inzwischen im Ausland.

Der Chef der Militär-Junta, Prayut, gab am Freitag seine Kandidatur für die Partei Phalang Pracharat bekannt, die der Armee nahesteht. Er sagte: «Ich bekräftige, dass ich keine Absicht habe, meine Macht im Amt zu verlängern. Ich will nur zum Wohl des Landes und der Menschen arbeiten.» Die Kandidatur der Prinzessin macht die Dinge für Prayut und die anderen Militärs nun viel komplizierter.

Thailands Königshaus ist durch ein sehr strenges Gesetz praktisch gegen jede Kritik geschützt. Prayut versicherte der Königsfamilie immer wieder seine Loyalität. Am Freitag wurden aber auch Zweifel laut, ob die Prinzessin überhaupt kandidieren darf. Die Entscheidung darüber liegt bei einem staatlichen Wahlausschuss.

Ubolratana wurde 1951 in der Schweiz geboren. Sie hat einen Abschluss der amerikanischen Elite-Uni MIT. Wegen ihrer Hochzeit mit einem bürgerlichen US-Amerikaner 1972 verlor sie viele Privilegien. Ein Vierteljahrhundert lang lebte sie unter bürgerlichem Namen in den USA. Nach der Scheidung kehrte sie nach Bangkok zurück. Ihr einziger Sohn kam 2004 bei der Tsunami-Katastrophe in Südostasien ums Leben.

Die 67-Jährige gehört zu den prominentesten Figuren der thailändischen Gesellschaft. Auf Instagram hat sie knapp 100.000 Follower. Außerhalb des Protokolls spielte sie auch in drei Thai-Kinofilmen mit und nahm Platten auf. Wie ihr Bruder hat sie viele Verbindungen nach Deutschland: Bei der Fußball-WM im vergangenen Jahr posierte sie sogar im Trikot der deutschen Nationalmannschaft.

Instagram-Konto der Prinzessin (privat)