Seefeld (dpa) - Der Umfang des Doping-Skandals von Seefeld ist längst noch nicht abzusehen. Die mutmaßlichen Doping-Praktiken des verhafteten Erfurter Sportarztes sollen laut der zuständigen Schwerpunktstaatsanwaltschaft München schon Anfang der 2000er-Jahre begonnen haben.

«Meine persönliche Einschätzung ist, dass wir noch viel weiter zurückgehen werden im Laufe der Ermittlungen», sagte der Leiter der bayerischen Ermittlungsbehörde Kai Gräber im Interview der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». Er glaube, dass das «in die Anfänge der Jahre 2000 zurückreichen dürfte.»

Gräber hoffe, dass die vom Rechtsanwalt des deutschen Arztes Mark S. angekündigte Kooperationsbereitschaft auch die Decodierung der Namen auf den in Erfurt beschlagnahmten 40 Blutbeuteln umfasse. Er geht zudem «sehr stark» davon aus, dass weitere Sportarten betroffen seien.

Der Staatsanwalt wisse nicht, ob Deutsche unter den Kunden von Mark S. waren. «Ich formuliere es so: Mir liegen bislang keine Erkenntnisse vor, dass deutsche Athleten zum illegalen Patientenstamm des Beschuldigten gehört haben.»

Nachdem im Zuge einer Doping-Razzia bei der Nordischen Ski-WM in Seefeld am Mittwoch fünf Langläufer festgenommen worden waren, die alle Eigenblutdoping gestanden haben und wieder auf freiem Fuß sind, bestätigte die Staatsanwaltschaft Innsbruck am Sonntag Ermittlungen gegen einen Tiroler Radprofi. Der 31-Jährige gab demnach bei Einvernahmen ebenfalls zu, Blutdoping angewandt zu haben.

Eine Klage droht dem bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi des Dopings überführten Langläufer Johannes Dürr. Der Österreicher hatte mit seinen Aussagen die Razzien in Seefeld und Erfurt ausgelöst. Nun will ihn der Langlauf- und Biathlon-Chef des österreichischen Ski-Verbandes, Markus Gandler, verklagen, weil Dürr in einer ARD-Dokumentation behauptet hat, dass er bei seinen Doping-Praktiken auch vom Personal des ÖSV unterstützt worden wäre. Dies kündigte er in der Ö3-Sendung «Frühstück bei mir» am Sonntag an.

Unterdessen ist man in Deutschland und Österreich besorgt um die Glaubwürdigkeit des Sports. DSV-Präsident Franz Steinle beklagt, dass durch Aufdeckung des Doping-Skandals auch der Deutsche Skiverband wieder thematisiert wird. «Uns tut es etwas weh und uns verärgert es etwas, dass man nicht hinreichend differenziert zwischen einem Netzwerk und dem Sport als solchem. Wir haben mehrfach betont, dass nach unseren Recherchen im DSV kein Athlet in irgendeiner Betreuung bei diesem Arzt ist», sagte Steinle bei der Nordischen Ski-WM in Seefeld. Er können «von ganzem Herzen» sagen, dass der DSV eine Null-Toleranz-Politik habe, was Doping angehe.