Görlitz (dpa) - Dichte Wälder, weite Felder und mittendrin Gehöfte und Dörfer mit kleinen Häusern und großen Gärten. Die Landschaft nördlich von Görlitz in Ostsachsen strahlt Ruhe aus. Doch seit die Oberlausitz eines der am stärksten von Wölfen besiedelten Gebiete Europas geworden ist, ist diese Ruhe gestört.

Seit der Wiederansiedlung der streng geschützten Tiere vor rund 20 Jahren haben sich die Wölfe mancherorts rasant vermehrt und ausgebreitet - von Ost nach West. Ihr Revier sind nicht mehr nur verlassene Gegenden und Wälder, sondern zunehmend auch besiedeltes Gebiet wie in der Oberlausitz.

Nicht nur Sachsen macht deshalb Druck auf die Bundesregierung, in der die Umwelt- und die Agrarministerin über den Umgang mit dem Wolf streiten. Es geht um einen leichteren Abschuss auffälliger Tiere, eine Bundesratsinitiative von Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern zielt auf ein stärkeres Eindämmen der Wölfe. Die breiten sich auch in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen stark aus, reißen immer wieder Schafe und andere Nutztiere.

"Da, wo sie sind, machen sie viel Ärger", sagt Hans-Dietmar Dohrmann in Rothenburg in der Oberlausitz. Der frühere Bürgermeister der ostsächsischen Kleinstadt klickt sich durch Fotos und Videos, die Wildtierkameras und Jäger von Wolfsrudeln nachts im Wald oder am Tag im Gewerbegebiet machen: "Das nächste Haus nur 800 Meter entfernt."

Nächtliches Geheul und erschreckende Nähe

"Jede Nacht hören wir Wölfe heulen, am alten Flugplatz sogar aus drei Richtungen", sagt der 68-jährige Dohrmann. Und es werde immer stärker. "Im Oktober 2018 guckte ein Mann in der Dunkelheit aus dem Fenster, da standen auf seinem Hof zehn, elf Wölfe unter dem Schlafzimmerfenster." Die Tiere zögen mittlerweile auch im Rudel durch Ortschaften. "Sie reißen nicht aus, gucken dich an, aber bleiben auf Distanz."

Vielen Einwohnern mache das Angst: Kinder gingen auf dem Land nicht mehr zu Fuß zur Schule oder fahren mit dem Rad, berichtet Dohrmann. Auch Pilz- und Blaubeersuche allein im Wald sei nur Erinnerung. Es gebe Wölfe, die sich Menschen näherten und dessen Reaktion testeten.

Die Bevölkerung habe aber auch gelernt, damit umzugehen, sagt Dohrmann. "Wir sind einfach wachsamer als früher", erklärt eine Frau in Lodenau, einem Ortsteil von Rothenburg. Man könne sich ja nicht verbarrikadieren. "Wir haben uns an den Wolf gewöhnt." Ganz verschwinden soll er auch gar nicht. "Es sind zu viele Tiere geworden und hier ist der Tisch jeden Tag gedeckt", sagt Dohrmann.

Isegrim verstört Wild und Tierhalter

Folgen hat die Existenz des Wolfs auch für Wirtschaft und Wildbestand. "Der Generationsaufbau bei einigen Wildarten ist gestört", beschreibt Jäger Dohrmann die Lage. Der Wolf habe das Muffelwild in der Region um Rothenburg ausgerottet. Hohe Schutzzäune mit Stacheldraht oder Gummigeschosse zur Vertreibung schreckten Wölfe nicht ab, wenn sie Hunger haben und Beute vor der Nase. "Das sehen wir zur Genüge."

"Wir erleben den Wolf täglich", sagt Hühnerzüchter Günter Prötzig aus Lodenau. In seinem Betrieb direkt an der Neißeaue leben 22 000 Legehennen draußen im Freien und müssen nachts in den Stall. Seit ein Angestellter in der Dämmerung einem Wolf gegenüberstand, weigern sich Kollegen, im Dunkeln zur Arbeit zu kommen und die Hühner in den Stall zu bringen.

"Der Wolf gehört in die Natur, aber muss genauso geregelt werden wie anderes Wild. In Dörfern hat er nichts zu suchen", sagt Prötzig. "Wir hören nachts die Hunde bellen und wissen, sie ziehen wieder durchs Dorf", sagt sein Freund Gerd Eberle. Wenn einer zu sehen sei, kämen plötzlich acht bis zehn nach. Auch bei der Jagd habe man sie an den Fersen.

Wolfsexperten halten Angriff für unwahrscheinlich

Die Oberlausitz hat mittlerweile die größte Wolfsdichte in ganz Europa, der Bestand mit mehreren Rudeln auf vier Quadratkilometern ist mittlerweile dichter als von Experten für möglich gehalten. Doch allen unheimlichen Erlebnissen zum Trotz: Dass es tatsächlich zu einem Wolfsangriff auf einen Menschen kommen könnte, halten Experten für sehr unwahrscheinlich, wenn auch nicht völlig ausgeschlossen.

"Wenn wir in die Länder schauen, wo der Wolf schon immer war, können wir beruhigt sein", sagt Experte und Buchautor Frank Faß, der ein niedersächsisches Wolfszentrum leitet. "Übergriffe von Wölfen auf Menschen waren dort bisher extrem selten." Einer norwegischen Studie zufolge wurden in ganz Europa zwischen 1950 und 2000 neun Menschen getötet - bei geschätzten 10 000 bis 20 000 Wölfen am Ende dieser Zeitspanne. Fünf der Wölfe seien tollwütig gewesen, erklärt Faß.

Auch die Buchautorin und Fachjournalistin Elli H. Radinger warnt vor Panikmache. Wolfseltern brächten ihrem Nachwuchs bei, was sichere Nahrung sei. "Wir bewegen uns anders, als ihre "normale" Beute: Wir laufen selbstbewusst und vor allem aufrecht", erklärt sie. "Auch Bären richten sich manchmal auf, und Wölfe meiden Bären." Durch Tollwut seien Menschen früher angegriffen worden, bestätigt sie. "Allerdings ist diese Krankheit in Mitteleuropa längst ausgerottet."

Vor Ort herrscht trotzdem Angst

Wer von Süden nach Rothenburg fährt, kommt an einem Freizeitpark mit Riesenspielplatz, Baumhaushotel und Tiergehegen vorbei. Auch dort müssen die Tiere abends in den Stall, der Aufwand sei größer geworden, sagt Leiter Jürgen Bergmann. Und Mitarbeiter fühlten sich unsicher. "Ein paar ältere Kolleginnen, die im Morgengrauen mit dem Rad zur Arbeit kommen, haben Angst." Andererseits erlebten die Besucher, meist Touristen von außerhalb, eine intakte Natur und ein Stück Wildnis.

Dass Menschen in anderen Regionen den Takt in Sachen Wolf vorgeben - aus Sicht von Dohrmann, Eberle und Prötzig ist auch das ein Problem. "Über den Wolf wird dort entschieden, wo er gar nicht oder nicht so verbreitet ist, dabei betrifft es unser Leben!" Die Menschen verlören die Geduld angesichts der Ignoranz gegenüber ihrer Situation und der Uneinigkeit im Bund sagt der Görlitzer Landrat Bernd Lange (CDU). "Dabei geht es nicht um Totalabschuss, sondern um eine Regulierung."

Ab Ende Mai gilt in Sachsen eine neue Wolfsverordnung. "Wir sind dort auch an die Grenzen des Möglichen gegangen", sagte der sächsische Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt (CDU). Künftig dürfen dort Wölfe verjagt werden, wenn sie sich einem Wohngebäude oder Menschen auf unter 100 Meter nähern, sich nicht verscheuchen lassen und das öffentliche Leben gestört wird.

Wenn sie Schutzmaßnahmen für Nutztiere innerhalb von zwei Wochen zwei Mal überwinden oder Menschen auf weniger als 30 Metern nahekommen und eine Vergrämung erfolglos ist, dürfen die Tiere sogar abgeschossen werden.