Berlin/Bonn (dpa) - Der Ausbau der Stromnetze im Zuge der Energiewende kommt voran - aber nur langsam. Von erforderlichen 7700 Kilometern im deutschen Übertragungsnetz sind aktuell 1100 Kilometer gebaut - vor einem Jahr waren es 950.

Das teilte die Bundesnetzagentur auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. Auch die vier Übertragungsnetzbetreiber sehen Fortschritte, mahnen aber schnellere Genehmigungsverfahren an.

Nach Angaben der Bundesnetzagentur sind derzeit 1300 neue Stromleitungskilometer noch nicht im Genehmigungsverfahren. 4600 Kilometer sind in Genehmigungsverfahren - etwa in Raumordnungsverfahren. 700 Kilometer sind bereits genehmigt, aber noch nicht im Bau. "Es ist wichtig, dass die Planungs- und Genehmigungsverfahren weiterhin mit Nachdruck voran getrieben werden", sagte ein Sprecher der Behörde in Bonn. "Verzögerungen beim Netzausbau kosten die Stromverbraucher viel Geld und bergen Risiken für eine sichere Stromversorgung."

Vor einem Jahr hatte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zum Auftakt einer "Netzausbaureise" in Bonn bei der Bundesnetzagentur einen Aktionsplan für einen schnelleren Ausbau der Stromnetze vorgelegt. Dieser sah etwa vor, Planungsverfahren zu verkürzen. Zudem sollen bestehende Stromnetze optimiert und höher ausgelastet werden.

Bei der Energiewende sollen Energiequellen wie Kohle, Gas und Atomkraft von umweltfreundlicheren Energieträgern aus Sonne und Wind ersetzt werden. Bis 2022 soll das letzte Kernkraftwerk abgeschaltet sein, bis 2038 ist außerdem der Kohleausstieg geplant. Der Ökostrom-Anteil soll bis 2030 auf 65 Prozent steigen - im ersten Halbjahr lag der Beitrag zur Deckung des Stromverbrauchs nach Zahlen des Energieverbandes BDEW bei 44 Prozent des Stromverbrauchs. Allerdings sind diese Ziele in Gefahr, denn vor allem der Ausbau der Windkraft an Land ist fast zum Erliegen gekommen.

Die Entwicklungen haben enorme Folgen für das Stromnetz, das an seine Kapazitätsgrenze zu kommen droht. Denn der Windstrom muss von den Küsten in die großen Industriezentren im Süden und Südwesten transportiert werden. Dafür sind Tausende Kilometer neue Stromleitungen nötig. Erst vor kurzem ebnete die Bundesnetzagentur den Weg für eine vierte deutsche Stromautobahn.

Gegen den Bau neuer Stromleitungen gibt es vor Ort viele Bürgerinitiativen. Sie wollen keine "Riesentrassen", es gibt Angst vor möglichen Strahlungen, Streit um Standorte etwa von Umspannwerken. Dazu kommen Klagen und lange Gerichtsverfahren.

Die Energiewende sei ein "gesamtgesellschaftliches Projekt", hieß es bei der Bundesnetzagentur. Die Entscheidung, die großen Korridore vorrangig als Erdkabel auszuführen, habe die Akzeptanz der Projekte nach derzeitiger Beobachtung der Behörde erhöht.

Beim Übertragungsnetzbetreiber Tennet hieß es, der Netzausbau gehe langsam voran. Bis eine neue Leitung genehmigt sei, dauere es aber Jahre, sagte eine Sprecherin. "Weniger Bürokratie und schnelle Verfahren sind ein gutes Rezept, um den Netzausbau zu beschleunigen." Tennet setze zugleich auf eine "intelligente digitale Netzsteuerung", um die vorhandenen Stromleitungen optimal zu nutzen. "Das spart künftig Netzausbau und macht die Stromversorgung sicher."

Ein Amprion-Sprecher sagte, der Netzausbau schreite voran - der Widerstand habe sich aber verändert: "Die Einzelinteressen werden vor Ort höher gewertet als das Gemeinwohl und das gemeinsame Interesse der Energiewende." Dass Menschen sich zu Bürgerinitiativen zusammenschließen, sei gut, wenn es um die gemeinsame, aber sachliche Vertretung von Interessen gehe und die Bündelung dieser.

Zugleich aber sagte der Sprecher: "Amprion und die Projektsprecher werden zu Projektionsflächen einer immer stärker empfundenen Ohnmacht gegenüber Großunternehmen und Politik. Es herrscht ein Generalverdacht, dass es ja nicht mit rechten Dingen zugehen kann und der "kleine Mann nur über den Tisch gezogen wird"." Tatsächlich zählten Planfeststellungsverfahren zu den fairsten Verfahren, da sich jeder im formellen Verfahren beteiligen könne und gehört werde.

Bei TransnetBW hieß es, die Energiewende stelle hohe Anforderungen vor allem an die Netzbetreiber. "Ein Beispiel ist die sinnbildliche Schere, die zwischen dem Ausbau der erneuerbaren Energien und dem Netzausbau klafft", sagte ein Sprecher. "Die Folge: Die Windparks stehen, die Stromleitungen nicht. Dabei sind neue Leitungen dringend nötig, damit der saubere Strom aus den großen Windanlagen im Norden in den verbrauchsstarken Industrieregionen des Südens und Südwestens ankommt. Der Netzausbau muss daher schneller und intelligenter erfolgen, um den Kraftakt Energiewende zu stemmen."

Ein Sprecher von 50Hertz sagte: "Die Energiewende wird bisweilen schlechter gemacht, als sie ist." Der Ausbau der erneuerbaren Energien sei in den vergangenen Jahren gut vorangekommen. Dies gelte auch für den Netzausbau, auch wenn es generell etwas schneller gehen könnte. Genehmigungsverfahren müssten vereinfacht und beschleunigt werden.