New York - Es ist ein andächtiger Moment, als US-Präsident George W. Bush Hand in Hand mit seiner Ehefrau Laura am Ground Zero auftritt. Schweigend legt das Ehepaar Kränze aus roten, weißen und blauen Blumen nieder, zum Gedenken an die fast 3000 Opfer des 11. September 2001. Dann blickt der Staatschef für einen kurzen Moment nach oben, dorthin, wo die Zwillingstürme des World Trade Center einst in den Himmel ragten. Musik aus Dudelsäcken untermalt die wortlose Zeremonie. Doch einigen Anwesenden ist nicht nach Schweigen zumute. Hinter den Absperrgittern, zwischen Touristen und Polizisten, rufen einige Dutzend Demonstranten ihren Unmut über den weltweiten Anti-Terror-Kampf der US-Regierung heraus.

"Ich bin heute hier, um Bush daran zu hindern, den 11. September als Kulisse für die aktuelle Kampagne der Republikaner für den Kongresswahlkampf zu nutzen", sagt die Sozialarbeiterin Ernie Gittell. "Die Opfer hier oder woanders auf der Welt sind ihm doch völlig egal." Sie werde ihre Stimme erheben, wo sie könne, kündigt die 64-Jährige an.

Die rund 40 Jahre jüngere Studentin Ashley Furan trägt ihren Protestslogan auf dem T-Shirt: "Wir werden nicht schweigen", heißt es darauf ganz im Sinne der Völkerverständigung auf Englisch und Arabisch. Furan will mit ihrem Besuch an dem Ort, an dem das World Trade Center stand, um die Opfer trauern und zugleich zu Frieden aufrufen. "Ich will mit meiner Anwesenheit nicht die Trauernden missachten. Wir sind alle hier, um zu trauern, es ist eine Gedenkstätte. Aber es ist auch an der Zeit, zu Frieden aufzurufen", sagt die New Yorkerin. "Er war bereit zu lügen" Viele der Demonstranten fordern auf Plakaten den Abzug der US-Armee aus dem Irak - eine Forderung, die immer mehr Menschen in den USA teilen. Der Krieg im Irak und die hohen Verluste in den Reihen der US-Armee haben Bushs Umfragewerte sinken lassen. "Mit Bush ist alles politisch", sagt Ann Muyskin, die mit ihrer "Granny Peace Brigade", einer Friedensinitiative von Großmüttern, gegen den US-Präsidenten demonstriert. "Er war bereit zu lügen, um seine politische Agenda durchzusetzen und seine Beliebtheit zu steigern", sagt die engagierte Seniorin.

William Doyle, dessen Sohn am 11. September als Feuerwehrmann starb, wirft dem US-Präsidenten vor, nicht unmittelbar nach den Terrorattacken den Anschlagsort besucht zu haben. Daher habe Bush bei den zentralen Gedenkfeiern nichts zu suchen: "Er hat drei Tage gebraucht, um nach dem 11. September hier zu sein, warum muss er dann am 11. September dieses Jahres hier sein?", fragt Doyle.

Inmitten der aufgeheizten Stimmung am Rande des Ground Zero bemüht sich eine Touristin aus Iowa um Versöhnung. Sowohl Bush als auch die Demonstranten hätten das Recht, da zu sein, meint die Krankenschwester Vicky Hawn. "Es soll so sein. Es soll beides sein."

(tso/AFP)

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