Washington - Die bisher längste Lateinamerikareise von US-Präsident George W. Bush, die am Donnerstag beginnt, hat klare Ziele: den wachsenden Anti-Amerikanismus und den aus Sicht Washingtons bedrohlichen Einfluss des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez zu mindern. Der Südamerikaner hat bisher kaum etwas ausgelassen, um seine tiefe Abneigung gegen die "imperialistischen" Vereinigten Staaten zu demonstrieren. Den Präsidenten des Erzfeindes der USA, den Iraner Mahmud Ahmadinedschad, empfing Chávez in Caracas mit offenen Armen. Vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York sprach Chávez sogar vom "Schwefelgeruch des Teufels", den Bush während seiner UN-Rede am Vortag hinterlassen habe.

Gastgeber misstrauisch gegenüber Freundschaftsbekundungen

Der US-Präsident weiß, dass er es bei seinen Besuchen in Brasilien, Uruguay, Kolumbien, Guatemala und Mexiko nicht leicht haben wird, sich glaubwürdig als Freund Lateinamerikas zu präsentieren. Zum einen sind die Staaten südlich der USA traditionell von Misstrauen und Abneigung gegen die Supermacht und ihre Dominanz in der Neuen Welt geprägt. Zudem spielte Lateinamerika für die US-Politik in den letzten Jahren, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, kaum eine große Rolle.

Deshalb verknüpft Bush mit der Reise ein neues US-Hilfsprogramm im Kampf gegen soziales Elend in Lateinamerika. Dass viele Kinder auch heute noch keinen Zugang zu Schulen und zur Gesundheitsversorgung hätten sei "in einer Zeit des Wachstums und Überflusses ein Skandal", betonte Bush kurz vor Reisebeginn. Die USA wollten "den Menschen helfen, Armut zu überwinden". Zu den zahlreichen Initiativen Washingtons gehören neben Bildungsprogrammen und Hilfen für Kleinunternehmer auch die Entsendung eines Lazarettschiffs der US-Marine. Es werde in verschiedenen lateinamerikanischen Häfen anlegen, wo insgesamt 85.000 Menschen kostenlos behandelt werden sollen, so verkündete der US-Präsident,.

Lateinamerika seit 2001 nicht mehr im Fokus der US-Interessen

2001 noch hatte Bush vom "Jahrhundert Amerikas" und der Vision eines blühenden, einigen Kontinents von Alaska bis Feuerland geschwärmt. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001, den Kriegen in Afghanistan und im Irak rückte Lateinamerika für Washington eher an den Rand. Allerdings habe sich die US-Finanzhilfe von 862 Millionen Dollar 2001 auf nunmehr fast 1,6 Milliarden Dollar für Lateinamerika erhöht, betonte Sicherheitsberater Stephen Hadley. Zudem hätten US-Investitionen in Milliardenhöhe dort zwei Millionen Arbeitsplätze geschaffen.

Abgeordnete des Repräsentantenhauses in Washington beschuldigten Bush dennoch, mit der Vernachlässigung Lateinamerikas einen Linksruck der gesamten Region, ein verstärkt anti-amerikanisches Klima und eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich bewirkt zu haben. "Wir haben in Lateinamerika Probleme, weil wir unsere Aufmerksamkeit abgewendet haben", meinte der republikanische Abgeordnete Connie Mack aus Florida.