Ein großes rotes Schild steht seit Sonntagnacht am Checkpoint Kissufim, dem Eingang zu den Siedlungen im Gazastreifen. Auf Englisch und Hebräisch kündigt es das Ende einer 38jährigen Ära an: "Stop, von nun an ist es israelischen Zivilisten gesetzlich untersagt, den Gazastreifen zu betreten."

Der Abzug hat offiziell begonnen. Wenige Stunden, nachdem das Schild aufgestellt worden ist, kommen israelische Soldaten, um den verbliebenen Einwohnern offiziell mitzuteilen, dass sie ihre Häuser verlassen müssen.

Im besten Fall finden sie betende und singende Siedler vor, die sich bei 35 Grad im Schatten draußen versammelt haben. In der Siedlung Nissanit im Norden des Gazastreifens, deren Einwohner als moderat gelten, werden die Soldaten sogar zu einem Glas Wasser eingeladen.

An anderen Orten bekommen sie Farbbeutel ab. Wie zum Beispiel in Newe Dekalim, wo ein Polizeioffizier zur Begrüßung mit einem blauen Gesicht herumlaufen muss. An einer Haustür steht in großen Lettern: "Wir rühren uns nicht von der Stelle".

Wieder andere Siedlungen sind blockiert; Reifen brennen dort auf den Zugangsstrassen. Dabei hat es die Armee bisher in Absprache mit Siedlervertretern vermieden, in Hardliner-Orte wie Kfar Darom vorzudringen. Als schwierigste Herausforderung gelten die 5000 zugereisten Extremisten, vor allem Jugendliche, die sich in den letzten Wochen in die Siedlungen des Gazastreifens geschmuggelt haben.

Einen Vorgeschmack auf das, was die Soldaten spätestens am Mittwoch erwarten wird, wenn sie die bis dahin verbliebenen Siedler notfalls mit Gewalt aus ihren Häusern zerren müssen, bieten die tränenreichen Szenen vor den israelischen Fernsehkameras. "Schaut Euch meine kleinen Kinder an", fordert ein Mann mit dramatischen Gesten den Reporter auf, "Sie werden nicht mehr in ihren Betten schlafen dürfen, sie müssen ihr Zuhause aufgeben. Ich bin ein Jude, ein Bruder, doch unsere Armee kommt, um uns von hier zu vertreiben."

Was im Ausland als ein längst überfälliger Schritt gilt - die Räumung von Siedlungen - ruft bei vielen Israelis durchaus gemischte Gefühle hervor. Da ist zum einen die Angst vor gewaltsamen Zusammenstößen, vor dem Fanal eines Bruderkriegs. Denn keiner kann sagen, was in den nächsten zehn Tagen passieren wird. Zum anderen kommt angesichts der Bilder auch Mitleid auf. Oder Wut, wenn sich manche Siedler mit voller Absicht außerhalb des Gesetzes und gegen die Mehrheit des Volks stellen.