Mohammed Omar Bakri darf nie wieder nach London zurückkehren. Das hat Innenminister Charles Clarke am Wochenende verkündet, nachdem der islamische Prediger vergangenen Woche in den Libanon aufgebrochen war, aber nun ankündigt hatte, er werde bald wieder nach Großbritannien zurückkehren. Wohl auch, um sich auf Kosten des britischen Gesundheitssystems einer Herzoperation zu unterziehen. Bakri ist ein Musterexemplar des garstig raffinierten Extremismus muslimischer Strickart. Über 19 Jahre lang hat er britische Liberalität und den großzügigen britischen Sozialstaat schamlos ausgenutzt; er hat nie gearbeitet, sieben Kinder in die Welt gesetzt, an die 500 000 Pfund Beihilfe abkassiert und zugleich Hass gegen den Staat der Ungläubigen geschürt. Er operiert öffentlich stets clever an der Grenze der Legalität, so dass ihm unter den Bedingungen des gültigen britischen Rechts nichts direkt angelastet werden konnte. Obwohl er das Musterexemplar eines Hasspredigers ist, der junge Muslime systematisch zu Gewalt und Terror aufstachelt. Die Entscheidung der Londoner Regierung, ihn nicht wieder ins Land zu lassen, signalisiert einen Kurswechsel. Verbunden ist er mit dem indirekten, verschämten Eingeständis, dass man zu lange geschlafen hat. London hätte viel früher gegen gewaltbereite Schmarotzer aus der islamischen Szene vorgehen müssen. Aber darin ist Großbritannien nicht allein. Wie auch der britische Kurswechsel ins weitere europäische Bild passt.

Überall in Europa schlagen die Regierungen eine härtere Gangart gegen den islamistischen Terrorismus ein. Nach den Selbstmordattacken auf London sind sich Politiker und Sicherheitsorgane einig: Die Gefahr weiterer Angriffe ist größer denn je. Was im Juli in der britischen Hauptstadt geschah, kann morgen schon Rom oder Berlin treffen. Die Länder, die militärisch im Irak engagiert sind, mögen für die Dschihadisten derzeit vorrangige Ziele darstellen. Aber auf al-Qaidas Liste der "Kreuzfahrernationen", denen 1998 der heilige Krieg erklärt wurde, standen insgesamt 28 Länder.

Das Motto quer durch Europa heißt nun: her mit schärferen Gesetzen, Schluss mit allzu großer Toleranz gegenüber den Todfeinden der demokratischen Gesellschaft. Während in London bewaffnete Polizisten in der U-Bahn die erhöhte Wachsamkeit des Staates demonstrieren, verkündete Tony Blair neue, knallharte „Spielregeln“ im Umgang mit islamischen Extremisten. Spanien befindet sich seit den Anschlägen von 2004 ohnehin permanent in erhöhtem Alarmzustand. Selbst die Zapatero-Regierung in Madrid, die zu Appeasement-Reflexen neigt, hat mittlerweile begriffen, was es bedeutet, dass al-Qaida 1998 das Ziel ausgab, „die spanische Schmach“ von 1496 zu tilgen. Das war das Jahr, an dem das islamische Reich auf spanischem Boden besiegt wurde.

In Rom verabschiedete die Regierung jetzt im Schnellverfahren ein 19 Maßnahmen umfassenden Katalog – mehr Rechte für die Polizei bei Razzien, bewaffnete Beamte in den U-Bahnenschächten von Mailand bis Neapel, verschärfte Überwachung von islamischen Einrichtungen und, was sich alle Regierungen zu Herzen genommen haben, eine rasche Abschiebung jener Muslime, die als „Prediger des Hasses“ bezeichnet werden.

Die meisten Regierungen Europas nehmen sich Frankreich zum Vorbild. Dort springt man seit Jahren härter als irgendwo sonst mit islamischen Extremisten um. Bereits in den 80er und 90er Jahren wurde das Land vom Terror vor allem algerischer Gruppen heimgesucht: mörderische Anschläge auf die Pariser Metro; Bomben in Lyon; ein Komplott, ein Flugzeug in den Eiffelturm hineinzujagen, das knapp vereitelt wurde, Jahre vor den Attacken auf New York.

Obwohl Frankreich seither gut gerüstet ist gegen den Terror, will Innenminister Sarkozy nach den Terrorattacken auf London die Schraube noch einmal anziehen. Bis Ende des Monates werden neue, schärfere Gesetze verabschiedet, um seine „Strategie der Nulltoleranz“ noch wirkungsvoller verfolgen zu können. Schon lange haben britische und deutsche Terroristenfahnder ihre französischen Kollegen beneidet. Sie operieren in einem günstigen Umfeld: Die Politik gibt ihnen, was sie brauchen. Die Polizei darf sich systematisch der Strategie der „offensiven Belästigung“ bedienen: unter dem Vorwand von Gesundheits- oder Steuerkontrollen macht sie Razzien gegen islamische Einrichtungen, ob Restaurants, Telefongeschäfte oder Kulturzentren, in denen man Extremisten vermutet - nicht unbedingt um konkrete Terrorpläne aufzudecken oder weil man konkrete Hinweise besitzt, sondern um terroristische Aktivitäten bereits im Keim zu ersticken, schwieriger zu machen und die islamistischen Netzwerke zu stören. Im Großraum Paris kam es 2004 zu 88 solcher Razzien. Die Justiz samt „ermittelnder Richter“ handeln im Einklang mit der Politik, statt sich gegen die Exekutive oder das Parlament zu stemmen.

Ganz anders die Situation in Großbritannien. Richter reagieren dort umso widerborstiger, je heftiger Regierung und Parlament auf Härte pochen und die Abschiebung oder Auslieferung von Ausländern durchsetzen wollen, wie nun von Tony Blair angekündigt wurde. Frankreich dagegen schob in diesem Jahr mehrere extremistische Prediger nach Algerien ab, ohne dass man sich groß um die menschenrechtliche Qualität der dortigen Justiz geschert hätte. Berufung gegen die Deportation darf zudem erst im Abschiebeland eingelegt werden. Was die Erfolgsaussichten der Klagen erheblich verringert.