"Deutschland wacht auf; die tödliche Schweigespirale, in der es zu versinken drohte, ist durchbrochen", schreibt die Frankfurter Allgemeine . Unweigerlich fragt man sich, ob die Aufregung nach der Ossi-Beschimpfung durch Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber da nicht doch etwas überbewertet wird. Doch halt! Wer weiterliest, muss feststellen: Es geht gar nicht um Stoiber und den Osten; vielmehr um lauter mehr oder weniger bekannte Schriftsteller, die dem Kanzler unter Führung von Günter Grass im Wahlkampf beispringen und "die öffentliche Meinungsbildung verstärkt mitbestimmen" wollen.

Nach dem Geschrei um schlaue Bayern und dumme Ossis täten einige kluge Worte in der Sache ganz gut. Die finden sich am Freitag in der Süddeutschen Zeitung : "Der Westen versteht den Osten nicht, und deshalb erkennt er die Menschen dort nicht an", steht da, und dass der Osten Leuten wie Stoiber deshalb unheimlich sei, weil sie es dort mit Menschen zu tun hätten, die sie politisch nicht einschätzen könnten.

Dann lernt man noch, dass es vor allem eine Frage der Sozialisation ist, was Ost und West scheidet: "Der Niedergang der DDR hat nicht nur dazu geführt, dass leistungsfähige Menschen ihr Glück in blühenden Landschaften überall in der Welt suchen konnten, der Niedergang hat auch mental verwüstete, entzivilisierte Landschaften hinterlassen, in denen es keine soziale Kontrolle mehr gibt."

Was in Ostdeutschland weitgehend fehlt, ist also eine Zivilgesellschaft: Menschen, die die Stärken der Gesellschaft suchen und gegen ihre Schwächen abgrenzen. Die - beispielsweise - in der hohen Arbeitslosigkeit nicht wie Kritikaster aus dem Westen nur Ballast für Staat und Wachstum sehen, oder den Auswuchs von Unbeweglichkeit und Paternalismus. Sondern solche Bürger, die auch erkennen, dass die Ost-Arbeitslosenzahlen so hoch sind, weil hier viel mehr Frauen als im Westen Arbeit suchen; und dass dahinter eben auch ein hohes emanzipatorisches Potenzial steckt, welches im Westen fehlt.

Zu kompliziert, schließlich ist Wahlkampf. Den bestimmt vielmehr die Erfahrung, dass das Schüren von Ressentiments gegen alles, was irgendwie links-chaotisch erscheint, den Konservativen in Bayern noch immer Stimmen brachte. Und nicht nur dort, weshalb, wie die Badischen Neuesten Nachrichten berichten, auch der baden-württembergische Ministerpräsident Günter Oettinger (CDU) nun auf die Ostdeutschen einhieb: "Die Linken und die Mutlosen im Osten Deutschlands dürfen nicht entscheiden, wie Deutschland regiert wird."

Beide, Oettinger wie Stoiber, können sicher sein, dass sie mit ihren Parolen in den eigenen Ländern mehr Sympathie als Ablehnung ernten; und Stoiber liegt - erklärtermaßen - Bayern und seine Profilierung dort allemal näher als Berlin. Am Wahlabend soll sich diese Strategie dann auszahlen, gemäß dem Motto: Zu guter Letzt zählt ein halbes Prozent im Westen (und 58 Prozent in Bayern) immer noch mehr als zwei verlorene Prozent im Osten.