Schuld an dem Dreiländerdesaster war ein Tiefdruckgebiet namens Norbert. Norbert hatte sich im kühlen Norden gebildet und war dann zwischen Alpen und Pyrenäen hindurch in Richtung Mittelmeer gedriftet. Über der warmen Oberfläche des Meeres lud sich das Tief mit Wasser voll und zog dann wieder in Richtung der Alpen. An den Berghängen regnete es sich aus. Die Schweiz beklagte am Dienstagabend fünf Tote. Die extremen Niederschläge hatten vor allem am nördlichen Alpenrand in der Zentralschweiz die Pegel in Kürze massiv ansteigen lassen. Der Vierwaldstättersee trat in der Stadt Luzern über die Ufer. Der dortige Krisenstab rechnete damit, dass das Hochwasser bis auf 435,25 Meter steigen und damit den Rekordstand aus dem Jahr 1910 erreichen könnte. Gleichwohl, in der Schweiz hatte der Regen am Dienstag schon wieder nachgelassen, der Bodensee pufferte die Flutwelle, für den Rhein konnte vorläufig Entwarnung gegeben werden. Auch am Neckar entspannte sich die Lage.Norbert drehte allmählich gen Osten. Die Donau allerdings hatte bei Redaktionsschluss die Flut noch vor sich: Die Wassermassen von Iller, Lech, Isar und Inn fließen in ihr zusammen.Leider muss nach Ansicht von Klimaexperten mit solchen extremen Situationen in Zukunft des Öfteren gerechnet werden. Mit der Erde erwärmt sich auch das Wasser der Meere. Norberts Nachfolger werden sich daher über der Wasseroberfläche öfter vollsaugen können, als das früher normal war , und ihr Nass anschließend über dem Land ausschütten. Was einst als Jahrhunderthochwasser galt, kann sich in Zukunft alle paar Jahre wiederholen.Klimapolitik, so zaghaft wie sie zur Zeit betrieben wird, dürfte darauf freilich keinen oder doch keinen messbaren Einfluss haben. Was böte sich stattdessen als Gegenstrategie an – vielleicht Forstpolitik?In der Schweiz wird seit sehr langer Zeit erforscht, welche Faktoren in der Entstehung von Hochwasser eine Rolle spielen und insbesondere, welchen Einfluss der Wald auf das Abfließen der Wassermassen hat. Denn bereits der Mitte des 19. Jahrhunderts war es in der Alpenrepublik zu vielen schweren Hochwassern gekommen. Die Eidgenossen machten damals vor allem den schlechten Zustand des Waldes für das Desaster verantwortlich und reagierten erstens mit einem neuen Forstgesetz im Jahr 1876 sowie zweitens mit der Förderung der Forsthydrologie, einer Wissenschaftsdisziplin, die das Wechselspiel von Wald und Wasser zum Gegenstand hat.Tatsächlich wiesen die Experten nach, dass Wald eine "maßgebende Dämpfung einer Hochwasserwelle" bewirken könne – aber nicht in dem ursprünglich erwarteten Ausmaß und nur, wenn die Sintflut auf eine Trockenperiode folgte. "Der Wald hat die Erwartungen enttäuscht", sagt Christoph Hegg von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Gerade bei zunehmendem Niederschlagsvolumen nimmt die dämpfende Wirkung schnell ab.Während der gegenwärtigen Flut spiele der Wald sogar "überhaupt keine Rolle". Dies, weil der Boden "vorher schon tagelang angefeuchtet" worden sei. "Ganz einfach", sagt Hegg:"Ist der Boden schon nass, kann er auch nichts mehr schlucken." Mit anderen Worten: Der Schwamm ist voll.Insofern darf auch mit zunehmender Bewaldung der Bergregionen die Hoffnung nicht zu hoch geschraubt werden, dass dadurch die Hochwassergefahr gebannt werden könne. Vor allem im Tessin und in der Zentralschweiz ist an vielen Stellen der Wald zurückgekehrt – nicht etwa primär wegen Aufforstungen, sondern weil die Eidgenossen in den vergangenen Jahrzehnten die Alpbewirtschaftung in manchen Regionen vernachlässigt haben."Es dauert Jahrzehnte, bis der Wald überhaupt zum Wasserschlucker wird", so lautet Heggs Auskunft. Und steht das Gehölz gar auf tönernem Boden, ist es mit der Saugwirkung schon nach dem ersten Regenguss vorbei. "Nur wirklich tiefgründige Böden können bis zu hundert Millimeter pro Quadratmeter aufnehmen".Erklärungen des katastrophalen Hochwassers dieser Tage, die den Menschen als abholzenden Übeltäter ausmachen, scheinen daher vorschnell zu sein; dass er als Klimasünder Mitverantwortung trägt, ist allerdings gut möglich.