Unter den vielen Neubesetzungen in Irans politischer Führung sticht eine Personalie hervor: Die Ernennung Ali Larijanis zum Vorsitzenden des Nationalen Sicherheitsrats und damit zum Nachfolger Hassan Rohanis. Auf die Besetzung dieses Postens hat das Parlament keinen Einfluss, sie muss lediglich vom obersten geistlichen Führer Khamenei abgesegnet werden. Larijani wird damit automatisch zum Verhandlungsführer in den Gesprächen mit den Europäern, die – vertreten durch Frankreich, Großbritannien und Deutschland – dem Iran die Uranverarbeitung abringen wollen. Wer aber ist dieser Mann? Er wurde 1957 in eine Familie von Geistlichen hineingeboren, hat Mathematik und westliche Philosophie studiert (und über letztere auch promoviert). Er ist der Schwiegersohn von Ayatollah Motahari, einem berühmten Kleriker und Architekten der iranischen Revolution von 1979. Larijanis Familie ist überdies eine einflussreiche Größe im Machtsystem Irans. Einer seiner Brüder sitzt als Geistlicher im Wächterrat, ein anderer ist ein hoher Richter und vertrat das Land in den Verhandlungen mit der EU über die Menschenrechte im Iran. Ali Larijani übernahm 1981 für zwei Jahre einen damals sehr wichtigen Job: Er ging zum Staatsfernsehen und beobachtete dort ausländische Sendungen. Dann wechselte er ins Arbeitsministerium, verließ es aber bald, arbeitete erst noch ein wenig für das Ministerium für Telekommunikation um dann aber in die Reihen der Islamischen Revolutionsgarden einzutreten, wo er bis 1991 eine Rolle als Top-Theoretiker spielte. Als der Kulturminister des Kabinetts Rafsandschani zurücktrat – es war der spätere Präsident Mohammad Khatami – folgte Larijani diesem nach. Bald indes ereilte ihn die nächste Ernennung: Der Bruder des Präsidenten wurde 1993 als Chef des Staatsfernsehens abgelöst, und den freiwerdenden Job bekam nun Larijani. Er blieb zehn Jahre lang in dieser Funktion, und in dieser Zeit offenbarte sich, wes Geistes Kind Larijani ist. Ihm zufolge ist Freiheit zwar ein Wert, aber bevor sie gewährt werden kann, müsse die Menschheit mit Disziplin und moralischen Werten aufgewachsen sein. Geleitet von dieser Denkweise verwandelte er das Staatsfernsehen (privates ist verboten) in ein Manipulationsinstrument der Regierung, das besonders auf die Massen außerhalb Teherans einwirkt. Aus den ursprünglichen zwei Fernsehkanälen wurde eine wahre Sende-Armada, bestehend aus sieben Programmen sowie 13 Radiostationen. Larijani gründete ein Boulevardblatt namens Jam e Jam, das mittlerweile die größte Auflage von allen Print-Titeln im Lande erreicht und der britischen „Sun“ nacheifert. Außerdem baute er die nationale Filmproduktionsfirma „Sima Film“ auf; ausländische Kinofilme dürfen nicht gezeigt werden. Auf dem Gebiet der Propaganda leistete Larijani also ganze Arbeit, was den Konservativen gefiel. Aufgrund seiner engen Verbindungen zum obersten geistlichen Führer Khamenei konnte er es sogar wagen, sich um das Präsidentenamt zu bewerben; im vorigen Jahr versuchte er, sich dafür die Stimmen der Basseej, der Islamischen Ideologischen Milizen, zu sichern. Schließlich wurde zwar ein anderer Konservativer für das Präsidentenamt ausersehen, aber mit dem Job als Chef des Nationalen Sicherheitsrates ist Larijani an die Spitze eines weitaus wichtigeren Machtzentrums gerückt – und zu befürchten ist, dass er auch dort gründlich vorgeht, indem er die Herrschaft der Konservativen über den multizentrischen iranischen Staat festigt. Seine Macht allerdings ist geliehen; über ihm steht das Büro des obersten geistlichen Führers Khamenei, und Larijani ist dessen ausführendes Organ. Kambiz Tavana ist Redakteur der Teheraner Tageszeitung Shargh.
Übersetzung aus dem Englischen: Gero von Randow