Am Ende übersetzte der Rabbiner Netanel Teitelbaum die Metapher seiner Rede in eine sichtbare Geste und streckte Papst Benedikt XVI. die offene Hand entgegen. Der Papst ergriff sie mit beiden Händen. Die Juden und Katholiken, die ihm dabei in der Kölner Synagoge zuschauten, brachen spontan in Beifall aus. Am Rand der Szene reckte der ehrwürdige Berliner Rabbiner Ehrenberg diskret, aber für seinen jungen Kollegen Teitelbaum doch sichtbar den Daumen hoch. Zum Zeichen dafür, dass diese Rede gut gewesen war - vielleicht sogar noch besser war, als man es sich insgeheim erhofft hatte. Zwar gab es am Ende in der Kölner Synagoge keinen Zweifel daran, dass der Papstbesuch ein Erfolg war. Doch so recht hatte das niemand absehen können.

Zu groß waren die Sorgen gewesen, die man sich in der jüdischen Gemeinde um den Besuch gemacht hatte. "Als wir in dem Gratulationsschreiben zu seinem neuen Amt, Papst Benedikt eingeladen haben, hätte niemand darauf gewettet, dass er tatsächlich kommt", erinnert sich der Vorstand der Gemeinde Michael Rado, "geschweige denn, dass jemand darüber nachgedacht hätte, was passieren würde, wenn."

Aber genau darüber mussten die Kölner Juden nun nachdenken. Und damit begannen die Sorgen.

Wie redet ein Jude den Papst an? Mit "Heiliger Vater"? Das geht gar nicht. Als ein Gemeindevorstand unvorsichtigerweise bei der Verkündung der Zusage Benedikts ihn so nennt, stöhnen viele Juden auf. Noch zwei Tage vor Ankunft des Papstes ist diese Frage im Protokoll nicht offiziell geklärt.

Große Sorgen bereitete der Gemeinde auch der Zustand der Synagoge. Das Gotteshaus wurde nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut und 1959 eingeweiht – damals mit der Unterstützung von Bundeskanzler Konrad Adenauer, ehemaliger Kölner Oberbürgermeister und der jüdischen Gemeinde seiner Heimatstadt sehr verbunden. Doch seitdem wurde die Synagoge nicht mehr renoviert. Die Teppiche waren abgetreten und von einem unappetitlichen Grau-Beige. Wer nicht regelmäßig in den Gottesdienst kam, wusste nicht, wo er die Füße besonders hoch heben musste, um nicht über die Falten zu stolpern, die der Teppich inzwischen warf. Die Wände brauchten einen Anstrich. Die Sanitäranlagen fielen regelmäßig aus. Michael Rado erinnert sich an die Schwierigkeiten: "Dabei wollen wir doch auch etwas zu trinken anbieten."

Das Notwendige wurde geplant: Die Toiletten wurden hergerichtet, ein neuer Teppich verlegt. Die Wände erhielten dort neue Farbe, wo der Papst voraussichtlich entlangschreiten würde. Die Renovierung kostete 230.000 Euro. Das ist viel Geld für eine Gemeinde, die keines hat.

Seitdem Juden aus den ehemaligen Staaten der Sowjetunion nach Deutschland kommen, ist die Kölner Gemeinde von 1000 auf mehr als 5000 Mitglieder gewachsen. Doch die wenigsten von ihnen zahlen Kirchensteuer. Dazu sind sie selbst zu arm und zu bedürftig. Selbst wenn sie gut ausgebildet sind - Ingenieure oder Informatiker - finden sie hier in Deutschland selten Arbeit. Also unterstützt die jüdische Gemeinde sie – mit Geld, Unterricht und Kleidern. Inzwischen sieht man den Zuzug aus dem Osten in der Gemeinde nicht mehr nur positiv. "Viele kommen, weil der Freund der Großmutter Jude war – egal ob sie nun praktizieren oder nicht – und bringen ihre gesamte Familie mit", beschreibt ein Gemeindemitglied das Problem. "Praktizierend sind die wenigsten. Im besten Fall nutzen sie die Gemeinde nur als Sprungbrett für ihren neuen Start."