Für die Angehörigen von Charles de Menezes ist der Fall klar. Londons Polizeichef Ian Blair muss zurücktreten, und zwar unverzüglich. Die Kette der Ereignisse, die zum Tod des jungen Brasilianers führten, lässt diesen Wunsch verständlich erscheinen: Die acht Todesschüsse, die de Menenez niederstreckten, standen am Ende einer ganzen Kette katastrophaler Fehler. Schlimmer noch: Der Verdacht will nicht weichen, die Polizei habe sich nach den Schüssen, die einen Unschuldigen trafen, der absichtlichen Irreführung, wenn nicht gar eines Cover Up , also einer Vertuschung, schuldig gemacht. Die wesentlichen Punkte der Version jedenfalls, mit der Medien und Öffentlichkeit nach der Erschießung des 27jährigen Brasilianers gefüttert wurden, haben sich als falsch erwiesen. Das lässt sich schon jetzt sagen, auch wenn das Ergebnis einer unabhängigen Untersuchung noch aussteht.

Am Morgen des 22. Juli hatten sich die Beamten in Zivil in der Eingangshalle der U-Bahnstation Stockwell dem Brasilianer nicht, wie behauptet, zu erkennen gegeben; de Menenez hat sich mitnichten der Verhaftung widersetzt oder die Flucht ergriffen; auch war er nicht über die Ticketbarriere gesprungen, sondern mit seiner elektronisch ablesbaren Dauerkarte durch die Sperre gegangen. Auf dem Bahnsteig rannte er los, wie andere Passagiere auch, um den eingefahrenen Zug noch zu erreichen; er hatte bereits einen Sitz eingenommen, als der Einsatztrupp ihn überwältigte, bevor acht Schüsse in Kopf und Schulter abgefeuert wurden. Er trug nicht, wie behauptet, eine verdächtig dicke, wattierte Jacke, unter der sich der Sprengstoffgürtel eines Suizidbombers hätte verbergen können, sondern eine leichte Jeansjacke.

Dies alles schält sich heraus, nachdem ein Mitarbeiter der Independent Police Complaints Commission (IPCC), die derzeit die Umstände des Todes untersucht, Videobilder von Überwachungskameras sowie mehrere Zeugenaussagen an eine Fernsehredaktion weitergeleitet hatte.

Deshalb wissen wir auch, wie das Verhängnis seinen Lauf nahm. Es begann mit einem ebenso bizarren wie folgenschweren Zusammenbruch der Kommunikation zwischen den beteiligten Polizeieinheiten.

Das Appartment des Brasilianers lag in dem Haus, in dem einer der gesuchten Suizidbomber vom 21. Juli lebte. Als de Menenez es am Morgen des 22. Juli verließ, wurde er von einem observierenden Polizisten gesichtet. Weil der Beamte gerade beim Pinkeln war, konnte er seine Kamera nicht betätigen; per Funk gab er an die Kommandozentrale durch, ein Verdächtiger habe das Haus verlassen, er sei nicht sicher, ob es sich um den gesuchten Selbstmordbomber handele.

Binnen der nächsten zehn Minuten verwandelte sich bloßer Verdacht in absolute Gewissheit. Die bewaffnete Einheit handelte im Glauben, den gesuchten Terroristen vor sich zu haben. Das könnte erklären, warum die Beamten offenbar nicht eine Sekunde lang eine andere Möglichkeit in Betracht zogen, als den jungen Mann durch Schüsse in den Kopf anzugreifen, wie es die Shoot to kill -Regel der Polizei seit 2002 in der Konfrontation mit einem Selbstmordbomber erlaubt.

Unklar ist noch, ob die Einheit von der Kommandozentrale ausdrücklich die Erlaubnis für den gezielten Todesschuss erhalten hatte oder ob nur eine Festnahme des Verdächtigen angeordnet worden war. Einzig und allein eine der offiziellen Informationen hat sich als richtig herausgestellt, auch wenn sie kaum mehr erwähnt wird: Charles de Menenez lebte in London als illegaler Einwanderer mit gefälschtem Stempel im Pass, nachdem sein Studentenvisum vor zwei Jahren abgelaufen war.

Sir Ian Blair steht nun unter Druck. Als Chef von Scotland Yard trägt er in letzter Instanz die Verantwortung für das tödliche Mißgeschick. Doch es gibt auch spezifische Vorwürfe gegen ihn: Er habe in einer Pressekonferenz zu schnell die falsche Version verbreitet und sie dann zu spät korrigiert; er habe sich gegen einen raschen Beginn der Untersuchung durch die IPCC gesperrt; vor allem habe Blair in den folgenden Tagen und Wochen nicht verhindert, dass falsche Behauptungen unwidersprochen durch die Medien geisterten.

Der Topbeamte weist die Vorwürfe zurück: Er habe erst 24 Stunden später erfahren, dass de Menenez unschuldig war; er habe die Arbeit der Untersuchungskommission nicht verhindern sondern im Brief an den Innenminister auf die Schwierigkeiten hinweisen wollen, die eine umfassende Untersuchung für die laufende Fahndung nach den Terrorzellen bedeuten könnte. Die falschen Informationen stammten allesamt nicht von der Polizei, die sich im übrigen angesichts der laufenden Ermittlungen der IPCC ohnehin nicht äußern dürfe. Letzteres wirkt nicht völlig überzeugend; eine klärende Aussage von Scotland Yard wäre sicherlich nicht als Einmischung in ein laufendes Verfahren verdammt worden.

Zuwenig Substanz, um Ian Blairs Rücktritt zu erzwingen? Politiker wie Medien neigen überwiegend dieser Ansicht zu. Wobei politische Motive hinein spielen. Obwohl konservative Blätter wie die Daily Mail ansonsten für eine harte Gangart im Kampf gegen den Terrorismus plädieren, nicht zimperlich sind und die Shoot to kill -Politik beibehalten möchten, ist ihnen Ian Blair ein Dorn im Auge, weil er einen neuen Typus des hohen Beamten verkörpert – politisch korrekt, ein Mann, der "Diversitätsberater" eingestellt hat und die "ethnische Vielfalt" von Scotland Yard erhöhen will. Nach Ansicht seiner konservativen Kritiker räumt er diesen Anliegen höhere Priorität ein als der eigentlichen Aufgabe der Polizei, nämlich Verbrechen zu verhindern.

Anders linke und liberale Medien. Sie stellen die Shoot to kill -Politik in Frage, sie empören sich über krasse Fehler und irreführende Informationen der Polizei, argumentieren gegen eine Verschärfung der Antiterrorgesetze. Aber sie möchten einen Polizeichef nicht verlieren, der weitgehend ihre Vorstellungen teilt und ihre Sprache spricht.

Nach auffällig langem Schweigen hat sich die Regierung offenbar entschlossen, Ian Blair zu stützen. Der Premier ließ ihm aus dem Urlaub heraus das Vertrauen aussprechen, Vizepremier John Prescott und Innenminister Charles Clarke stellten sich schützend vor den bedrängten Polizeichef. Dabei wird es bleiben, wenn die Untersuchung der Independent Police Complaint Commission nicht eindeutige Indizien eines Versagens der obersten Führung ans Licht fördert.

Ein anderer Umstand kommt dem bedrängten Polizeichef indirekt zu Gute. Die wochenlange Medienberichterstattung über den tragischen Tod von de Menenez und die Kampagne der Familie des Erschossenen, die von diplomatischen Interventionen der brasilianischen Regierung begleitet wird, lässt die öffentliche Stimmung in Großbritannien allmählich umkippen. "Was ist mit uns?" fragen die Angehörigen der 52 Todesopfer der Terroranschläge vom 7. Juli; die Familie von Charles de Menenez kann mit einer Entschädigung in Höhe von 900.000 Euro rechnen, die Angehörigen der Terroropfer werden rund 25.000 Euro erhalten.

Ian Blair, seit sechs Monaten in einem der schwierigsten Polizeijobs der Welt, dürfte die Krise überstehen. Doch der Eindruck bleibt, dass er die erste schwere Bewährungsprobe seiner Amtszeit nicht bestanden hat. Man wird das Gefühl nicht los, dass er die Ereignisse nicht immer unter Kontrolle hatte.

Die Selbstmordanschläge des Juli werden nicht die letzten gewesen sein. Darin sind sich mittlerweile alle einig. Umso wichtiger, dass an der Spitze der Polizei jemand steht, der die Dinge in der Hand hält. Ob der Polizeichef diese Anforderung erfüllt, kann bezweifelt werden.