Angesichts der Praxis von Doktor Michel Massonnaud würden deutsche Patienten sicherlich fragen: Wo, bitte, geht's denn hier zum Arzt? Der 61 Jahre alte Pädiater unterhält seit dreißig Jahren Behandlungsräume in seiner kleinen Altbauwohnung an der Rue Notre-Dame-de-Lorette mitten im 9. Arrondissement, dem zentralen Pariser Bezirk. Einen weißen Kittel hat er nie angehabt, und beim Klingelzeichen macht er die Wohnungstür stets selber auf. Sein Flur dient als Wartezimmer, und der kleine Behandlungsraum liegt direkt neben seiner guten Stube.

Trotz der äußerst schlichten Ausstattung zählt Michel Massonnaud zu den beliebtesten Kinderärzten in seinem Bezirk. Lange Jahre zählten auch die acht Kinder des bekannten Politiker-Ehepaares Clara und Hervé Gaymard zu seinen Patienten. Das wohnliche Ambiente, die schlichte Strickjoppe des Doktors und der Verzicht auf alle Insignien einer in Chrom und weiß blitzenden Krankenstation haben sicherlich dazu beigetragen, dass Kinder ohne Angst hierher kommen.

Nicht einmal für das Abkassieren nach der Konsultation bemüht Massonnaud eine Arzthelferin. Er klappt eine Geldkassette im Schreibtisch auf, berechnet seine Pauschale und führt auch selber das Terminbuch. Die Konsultationsgebühr ist sein Reinverdienst. Aber auch für die französischen Patienten ist das archaisch anmutende System der Barzahlung nicht sonderlich unbequem. Denn sie müssen nur in Vorleistung treten. Die 20 Euro für einen " médecin conventionné " oder 40 Euro für einen Spezialisten - über neunzig Prozent der französischen Mediziner sind zugelassene Kassenärzte mit gesetzlich geregelten Honoraren - bekommen sie hinterher zu 75 Prozent von der " Sécurité sociale " auf ihr Konto zurückerstattet.

Für das restliche Viertel müssen sie eine Zusatzversicherung namens " mutuelle " abschließen. Jeder Patient trägt eine " carte vitale " mit sich, eine Chip-Karte, die der Arzt in ein elektronisches Lesegerät steckt, das die Behandlung online an die Kasse übermittelt. Bei Rezepten in der Apotheke herrscht ebenfalls das Prinzip Vorkasse, das auf gleiche Weise mit der Chip-Karte erfasst und hinterher erstattet wird. Anders als in Deutschland gilt der Konsultationstarif für jeden einzelnen Besuch, nicht bloß als Pauschale fürs Quartal.

Der Praxisbesuch bei vielen der insgesamt 180.000 Ärzte in Frankreich wirkt wie eine Zeitreise: Sie arbeiten in kleinen Kabinetten ohne hochtechnische Ausstattung und ohne Hilfspersonal. Freilich gibt es auch größere Gemeinschaftspraxen, " Centre santé " genannt, in denen Spezialisten mitsamt den erforderlichen Sprechstundenhilfen arbeiten. Aber in der Regel haben die meisten französischen Hausärzte wenig mit den Göttern in Weiß gemeinsam, wie man sie in Deutschland kennt.