Heilige Stille? Nicht vor dem Kölner Dom. Unter den gigantischen Konterfeis von JP II und Benedikt XVI, die die Groß- oder Urgroßväter der hier Anwesenden sein könnten, toben die Teenies wie sie schon immer - unabhängig vom Anlass - getobt, ihre Kräfte gemessen, Spaß gehabt haben. Mit der erhaben-feierlichen Stimmung in Krakau in den Tagen vor und nach dem Tod Karol Wojtylas ist die rheinische Sommerparty-Ausgelassenheit nicht zu vergleichen. Vor allem ist hier nicht ein Volk wie die Polen am 2. April "bei sich", sondern jedes meint, sich auf der bunten Weltparty zeigen, behaupten zu müssen.

Mit ungestümer Vehemenz drängt, jenseits aller christlichen Vorstellungen von Gleichheit, Demut und Bescheidenheit, die Bedeutung von Identität und Nationalbewußtsein nach außen. In dieser Hinsicht unterscheidet sich der WJT in keiner Weise von einer WM. Eben noch wurde auf dem Domplatz " Croatia! " gebrüllt, jetzt schallt es aus einer Bar: Kroatien spielt gegen Brasilien. Und es steht für die Kroaten nicht 0:6, sondern 1:1. Das heizt natürlich ein. Doch mit Tränen der Freude in den Augen erklären mir einige Papst-Fußball-Fans, dass sie hier auf dem Weltjugendtag ja gar nicht gewinnen wollen, sondern sich einfach nur wünschten, daß es beim 1:1 bliebe...

Hier skandieren sie " Vive la France ", dort stimmbruchlastig "Bälla Italia!", weiter hinten aus Hunderten von Mündern: " Polska !". "Ist da irgend jemand aus Polen?", fragen zwei Jungs ironisch und recken ihre gigantische blau-weiß-gerautete Flagge sofort noch höher. "Es sind zu wenige von uns gekommen, wir müssen hier Deutschland repräsentieren!", erklären mir die schlaksigen Vierzehnjährigen. Ob der singende Trupp aus Jamaika neben ihnen wohl die bayerische Flagge kennt?

Man winkt sich mit den Fahnen zu, man hüllt sich in sie ein, man trägt Stirnbänder und Armbändchen mit dem nationalen Erkennungszeichen. Viele Jugendliche lernen in diesen Tagen sicher mehr über Geographie als über Fundamentaltheologie: "Weißt du, woher die Fahne da hinten kommt? Sieht voll cool aus, was Asiatisches, oder?" " Phillippines !" wird ihnen stolz und streng entgegengeschleudert. "Und welches Land hat einen Eisbären auf seiner Flagge?" - "Alaska!"

Wenn man so ein Dinosaurier wie ich (36 Jahre alt) in diesem Meer aus jungen Leuten ist, bleiben gelegentlich generationsspezifische Kommunikationsprobleme nicht aus. Altmodisch frage ich: "Fühlt ihr euch nicht komisch mit so einer riesigen Deutschlandfahne, die ihr stolz wie die Römer ihre Stola um eure Körper geschlungen habt?" Man starrt mich an, geht kopfschüttelnd weiter, läßt die Alte stehen und reden...

Auf einmal entdecke ich trotz meiner degenerierten Augen etwas sehr Seltenes, eine rare Spezies, eine vom Aussterben bedrohte Art unter den Flaggen - einsam weht sie da, gelbe Sterne auf nachtblauem Grund, kaum vom funkelnden Abendhimmel über Köln zu unterscheiden, schüchtern zwischen all dem Stars 'n Stripes , dem Ordem e Progresso , dem Rot-Weiß und dem - zumindest flaggenmäßig nicht unterrepräsentierten - Schwarzrotgold: die Europa-Fahne. Die Hüter des Schatzes sind Franzosen. " Yes, nobody knows, where we're from, this is a problem, yes, but actually we - äh-  how can I say this - we - like the idea of Europe. " Ein ängstlicher Blick über die Schulter, ob irgend jemand hören könnte, was sie hier so Ketzerisches von sich geben.