Der Streit um die stark gestiegenen Strompreise hält an . Nachdem zunächst die Verbraucherverbände über den Preisanstieg klagten, wird nun die Kritik aus mittelständischen Unternehmen, energieverbrauchender Industrie und Politik zusehends heftiger. "Der starke Anstieg der Strompreise bedroht immer mehr mittelständische Betriebe in ihrer Existenz", klagte der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), Mario Ohoven, am Montag. Die Bundesregierung müsse endlich die vier großen Energieversorger wettbewerbspolitisch zur Ordnung rufen. Unterdessen haben die Grünen den großen Stromkonzernen mit Sanktionen beim Handel mit Kohlendioxid-Zertifikaten gedroht.

"Vielleicht ist es doch vernünftiger, die vom Staat ausgegebenen Handelspapiere in Zukunft zu versteigern, statt sie kostenlos zu vergeben", sagte der stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Reinhard Loske. Er reagierte auf Aussagen des Großversorgers RWE, der den Emissionshandel zur Eindämmung des C02-Ausstoßes für die Strompreiserhöhungen mitverantwortlich macht. Der Grünen-Vorsitzende Reinhard Bütikofer forderte einen höheren öffentlichen Druck vor allem auf die vier großen Energiekonzerne E.On, RWE, Vattenfall und EnBW . Er begrüßte die Entscheidung des Bundeskartellamts, die Preispolitik von E.ON und RWE zu überprüfen.

Die Strompreise in Deutschland liegen nach Schätzung Bütikofers um rund 70 Prozent über dem europäischen Durchschnitt. Die Kosten kämen vor allem durch überhöhte Netznutzungsentgelte zustande. Der energiepolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Peter Paziorek, hat indes die Bundesregierung mitverantwortlich für die hohen Strompreise in Deutschland gemacht. Wegen "einer verfehlten Energiepolitik von Rot-Grün" hätten die staatlichen Belastungen inzwischen einen Anteil von 40 Prozent am Strompreis. Die Zusammensetzung des Strompreises in Deutschland müsse endlich transparenter werden. "Die stark gestiegenen Strompreise in Deutschland sind ein erheblicher Nachteil für den Wirtschaftsstandort Deutschland", sagte auch Paziorek.

Unterdessen hat der Verband der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) Klagen aus der Industrie über existenzgefährdende Strompreise zurückgewiesen. Die Stromkosten hätten in vielen Wirtschaftszweigen nur einen geringen Anteil an den Gesamtkosten, sagte ein Sprecher des VDEW. Die Spanne reiche von sechs Prozent bis unter 0,3 Prozent. Am Freitag hatte der Vorstandschef der Norddeutschen Affinerie AG, Werner Marnette, den Vorsitz des Energieausschusses des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) niedergelegt, nachdem er die hohen Energiekosten mehrfach kritisiert hatte. Marnette beklagt, dass sich die hohen Strom- und Gaspreise immer mehr zu einer unerträglichen Belastung besonders der energieintensiven Unternehmen entwickelt hätten.

Material- und Personalkosten machten in den meisten Wirtschaftszweigen rund drei Viertel der Gesamtkosten aus, setzt der VDEW dagegen. Mit einem Stromkostenanteil von sechs Prozent an den Gesamtkosten liege die Zementindustrie an der Spitze. Auch die Aluminiumindustrie sei mit 3,2 Prozent noch relativ stromintensiv. VDEW-Hauptgeschäftsführer Eberhard Meller sagte, "die Zahlen zeigen, dass die Stromkosten für die deutsche Wirtschaft insgesamt nur eine untergeordnete Rolle spielen". Bei der Kupferindustrie schlage der Strom mit einem Anteil von 1,4 Prozent zu Buche. Noch geringer seien die Anteile in der Automobilindustrie und im Maschinenbau.

Der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK), der das Kartellamt mit zur Prüfung der Strompreise aufgefordert hatte, hält dagegen: Bei der (reinen) Herstellung von Aluminium liege der Stromkostenanteil bei 46,2 Prozent, bei einzelnen chemischen Produkten sogar bei bis zu 57 Prozent. Nach einer VIK-Statistik muss die deutsche Aluminiumindustrie durch die hohen Strompreise im internationalen Vergleich einen Wettbewerbsnachteil von rund 4,7 Prozent hinnehmen.