Die Vögel tun es, die Bienen tun es, manche Fische und sogar Bakterien tun es: Sie orientieren sich am Magnetfeld der Erde. Das weiß man seit den 60er-Jahren. Zurzeit wird weithin angenommen, dass Vögel sogar zwei Kompasse besitzen, nämlich einen im Auge und den anderen im Schnabel; letzterer besteht aus magnetischen Teilchen, deren Ausrichtung das Nervengewebe reizt. Doch die zugrunde liegenden Mechanismen der Wahrnehmung im Spatzen- oder sonstigen Vogelhirn sind noch immer Forschungsgegenstand; und das bedeutet, dass über sie längst nicht alles bekannt ist.

Immerhin, seit diesem Montag weiß die Wissenschaft ein Stück mehr über diese "Magnetorezeption". Eine Studie, veröffentlicht von dem Frankfurter Zoologen Wolfgang Wiltschko zusammen mit australischen Kollegen ( Current Biology , Vol. 15, No 16, R620), berichtet von einem Experiment, das gleich mehrere interessante Fragen aufwirft.

Die Probanden waren acht Küken des gewöhnlichen Haushuhns. Das ist nicht gerade eine große Zahl, weshalb das Experiment besser nur als Vorstudie gewertet werden sollte. Aber sehr wohl als eine interessante. Das vor Jahrtausenden domestizierte Huhn ist ja alles andere als ein Zugvogel, und es kommt beim Scharren und Picken und Eierlegen allemal ohne Magnetfelder zurecht. Gleichwohl, die Küken orientierten sich nach ihnen, was ein starker Hinweis darauf ist, dass die Magnetorezeption von Vögeln tief in deren Abstammungsgeschichte wurzelt.

Besonders tief blicken ließ allerdings das Design der Versuche. Diese waren nicht etwa darauf angelegt, dass die Küken mit Hilfe ihrer magnetischen Rezeptoren eine ihnen fest einprogrammierte Aufgabe - wie die Nahrungssuche oder das Nachhausefinden - lösten, sondern stattdessen eine erlernte. Mit anderen Worten: Der Test sollte zeigen, ob den Tieren die Magnetorezeption auch unabhängig von einer ganz bestimmten Lebensfunktion als Orientierungshilfe zur Verfügung steht.

An dieser Stelle erhellt sich, warum Küken und nicht ausgewachsene Hühner verwendet wurden. Die Kleinen können nämlich noch etwas lernen. Speziell die ganz jungen lassen sich darauf abrichten, ein Objekt als Mutti anzusehen; in diesem Fall nahm ein roter Tischtennisball die Mutterrolle ein. Nach erfolgreicher Prägung begann das Training. Die vier Ecken eines Experimentierkäfigs wurden von kleinen Paravents verborgen, und hinter einem der Schilde steckte der Ball. Sobald ein Küken auf ihn stieß, durfte es zur Belohnung eine Minute mit seiner roten runden Mami verbringen. Anschließend begann das Spiel von Neuem, bis die Tiere gelernt hatten, hinter welchem Paravent sie nachzugucken hatten. Sodann wurden Magnetfelder angelegt, die das natürliche der Erde überlagerten. Und siehe da: Die magnetischen Manipulationen bewirkten, dass die Küken auf andere Paravents zusteuerten.

Auffällig freilich, dass sie entlang der Feldlinien nicht nur in eine, sondern gleich verteilt in die zwei entgegengesetzten Richtungen liefen. Flugexperimente mit Vögeln hingegen zeigen eine solche Doppeldeutigkeit der Magnetorezeption nicht. Wolfgang Wiltschko, der Nestor der Magnetorezeptionsforschung, bietet dafür zwei verschiedene Erklärungen an. Entweder, dass in der Realität da draußen noch andere Daten als nur die magnetischen wahrgenommen werden, sodass mit Hilfe dieser Zusatzinformationen die Doppeldeutigkeit aufgelöst werden kann. Oder, dass der innere Kompass der Küken - anders als derjenige von ausgewachsenen Vögeln - noch nicht dazu fähig ist, außer der Ausrichtung des Magnetfelds auch dessen Neigung im Verhältnis zur Erdoberfläche wahrzunehmen, und damit eine Richtung.