Worauf hat sich der gute Professor Kirchhof da bloß eingelassen. Er verspricht uns ein einfaches, transparentes, verständliches und damit auch gerechteres Steuersystem. Zumindest was die Einkommen betrifft, soll alles einfacher werden. Zehn Minuten für die Steuererklärung - wenn das kein Grund ist, Angela Merkel zur Kanzlerin zu machen und Paul Kirchhof zu ihrem Finanzminister .

Zumal der auch noch verspricht, mit dem dicken Hammer an die Steuerreform heranzugehen und die entscheidenden Veränderungen so zu beschleunigen, dass sie schon am 1.Januar 2007 im Bundesgesetzblatt stehen.

Nehmen wir einmal an, der brillante Verfassungsjurist zieht tatsächlich ins Finanzministerium ein. Dann wird er ein gigantisches Stehvermögen beweisen müssen. Denn er will die versprochene Vereinfachung nicht nur mit einem Einfach-Tarif herbeizaubern, sondern durch eine radikale Einschränkung der Subventionen. Das können Steuererleichterungen sein, die dann gestrichen werden müssen, aber auch Zahlungen aus dem Haushalt. Solches hat Kirchhoff in seinem in sich völlig schlüssigen Modell vorgesehen, das seit Monaten diskutiert und mit diversen anderen Modellen verglichen wird.

Aber es ist eben ein Modell, aus dem die Wirklichkeit weitgehend ausgeblendet ist. Der Mittelstand, die Familien, die Bauern, alles typische CDU-Klienten, werden Sturm laufen gegen den Verlust ihrer Privilegien. Sie werden den Untergang der Republik an die Wand malen, und die Abgeordneten werden ihren Minister unter Druck setzen, weil sie sich sonst in ihren Wahlkreisen nicht mehr sehen lassen können. Kirchhof will einige der Einwände auffangen, indem er Pauschalen vorschlägt, die in der Tat übersichtlicher sind als das heutige Geflecht von Ausnahmen und Ansprüchen. Es ist kein Zufall, dass die Unionsparteien bisher den Ideen des Radikalreformers Kirchhof eher reserviert gegenüber standen.

Genau besehen muss man auch die Frage stellen, ob das Zehn-Minuten-Versprechen nicht ein Rückschritt ist. Friedrich Merz, von der Kanzlerkandidatin ausgemusterter Steuerfachmann der CDU, hatte ja die Steuererklärung auf dem Bierdeckel versprochen, Kirchhof braucht immerhin ein DIN-A4-Blatt. Das entspricht mindestens der Fläche von sechs Bierdeckeln , bietet also Platz für sechsmal so viele Fragen und Antworten, um das Finanzamt zufrieden zu stellen. Zehn Minuten scheinen da ein gewagtes Versprechen.

Natürlich sollten die Steuerzahler dem Manne Mut machen: Es kann nur besser werden, wenn das ganze System verständlicher wird. Aber ein bisschen Skepsis muss schon erlaubt sein. Da gibt es nämlich eine historische Parallele. Schon einmal versuchte sich ein illustrer Professor an der Steuerreform, nachdem eine große Koalition eine große Steuerreform versprochen hatte. Das war zwischen 1970 und 1972, als der Finanzwissenschaftler Heinz Haller unter den SPD-Finanzministern Alex Möller und Karl Schiller eine Steuerreform entwickelte. Er hatte den eigens für diese Aufgabe geschaffenen Posten eines Staatssekretärs inne.

Niemand bezweifelte Hallers Sachkompetenz und seine kreative Kraft. Doch der emeritierte Professor im Reformdienst schmiss nach knapp zwei Jahren die Brocken hin. Nicht, weil ihm nichts einfiel, sondern weil er erkannte, dass er gegen Bürokratie, Lobby und Parteien keine Chance hatte. Übrigens zog er aus seiner Erfahrung kurz nach dem Rücktritt den Schluss: "Steuerreformen stellen ein so schwieriges Unterfangen dar, dass man immer schon zufrieden sein muss, wenn sie wenigstens teilweise gelingen."

Also, Herr Kirchhof, mit der 20-Minuten-Steuererklärung wären wir auch zufrieden. Vorausgesetzt natürlich, dass wir dann am Ende nicht mehr Steuern beim Finanzamt abliefern müssen.