Norbert Blüm und Heiner Geißler, verbindet die noch einer mit der Union? Wohl eher nicht. Blüm ist in der Versenkung verschwunden und nur seine hessische Frohnatur bewahrt ihn scheinbar vor dem Frust, dass seine Idee vom Sozialstaat in der Union wenig Gehör findet. Bei Geißler ist alles anders. Der hat sich eine Art Adlerhorst über der großen Politik gebaut und schaut gerne mal von oben herunter, den eigenen Leuten ähnlich kritisch gestimmt wie der Altbundespräsident Richard von Weizsäcker.

Geißler jedenfalls hat immer wieder großartige Auftritte in der Hauptstadt. Vor ein paar Tagen las er wenige Meter vom Brandenburger Tor entfernt allen Wahlkämpfern die Leviten, dass seinen Mitrednern Manfred Bissinger und Hugo Müller-Vogg auf dem Podium ganz blümerant wurde. Die beiden Publizisten wollten ihre druckfrische Wahlkampfhilfe „Schröder oder Merkel“ präsentieren und waren so mutig, Geißler dazu einzuladen.

O-Ton Geißler: „Wir sind Zeitzeugen einer Situation, in der wir zwar nicht vor Katastrophen stehen, in der aber ein immer stärker werdendes Durcheinander vorherrscht – weltweit, aber auch in der deutschen Politik“. Die Politik, ein einziges Durcheinander. Geißler ist mit dieser Einschätzung in guter Gesellschaft. „Unübersichtlich“ sagte über den jüngsten deutschen Wahlkampf erst heute Mittag in Berlin-Mitte ein eingeflogener, von der Politik oft zu Rate gezogener namhafter Ökonom in kleiner Runde. Und „gänzlich inhaltsleer“ sei der Wahlkampf; immer noch.

Heiner Geißler geht noch einen Schritt weiter und findet, die Politik sei so durcheinander, „weil ihr das ethische Fundament fehlt“. Die Leute im Lande hätten nicht mehr das Gefühl, das es gerecht zu geht. Dies führe zur absoluten Glaubwürdigkeitskrise der Politik. Geißler sorgt sich um das Verschwinden der Solidarität, die neue Parole, dass jetzt nur noch jeder für sich sorge, anstatt zu sagen: Wir alle stehen für diejenigen ein, die in Not sind.

Die Adressatin dieser Rede war sicher auch: Angela Merkel. Hat nur keiner gehört, keiner geschrieben. Irgendwie sind die Zeiten nicht nach diesen Fragen.