Die Nachricht macht sprachlos. Alle 14 Minuten wird auf deutschen Straßen ein Kind verletzt. 13.241 kleine Radler wurden angefahren, 12.359 Kinder nützte es nichts, dass sie im Auto ihrer Eltern saßen, 9.684 Kinder waren zu Fuß unterwegs und kamen unter die Räder, insgesamt 37.285 Kinder kamen auf deutschen Straßen zu Schaden.

Gab es einen Aufschrei in den Tagesthemen ? Brachte es die Nachricht auf die ersten Seiten der Tageszeitungen, dahin, wo die geile Steuererklärung auf einem Bierdeckel alle Spalten füllt? Gab es einen harten Kommentar auf Seite 3 oder 4? Nachfragen? Wollte jemand wissen, auf welche Weise die Kinder zu Schaden kamen? Ob sie Knochenbrüche erlitten oder Quetschungen der inneren Organe, ob die 153 toten Kinder sich das Genick brachen oder im Auto verbrannten, wie viele von den 6.600 schwer verletzten Kindern etwa im Koma liegen, ob sie wieder laufen können, ein Leben lang ein Krüppel bleiben? Ist davon auszugehen, dass sie zurück in die Schule kommen, können sie weiter lernen oder ist ihr Gehirn geprellt, zerstört?

Alles ungeklärte, weil ganz ungefragte Fragen. Für so viel Unwissenheit oder Desinteresse gibt es ein anderes Wort: mangelhafte Brutpflege. Uns scheint der Instinkt für die rechte Aufzucht unserer Kinder abhanden gekommen. Was wir in unseren Wohnorten betreiben, ist nicht artgerechte Kinderhaltung. Wir haben in den vergangenen vierzig Jahren vier Millionen zusätzliche Autos auf unsere Straßen gelassen - ohne Vorsorge zu treffen, dass unseren Kindern ein sicherer Raum bleibt, in dem sie aufwachsen können. Dass im gleichen Zeitraum die Zahl der Kinder um 6 Millionen zurückgegangen ist, fiel bei dem Gedränge ja schon gar nicht mehr auf (ebenso wenig, dass die "gute Nachricht" damit zusammenhängen könnte, dass auch die Unfälle mit Kindern ein wenig zurückgehen). Was da passiert, ist nicht nur instinktlos, sondern auch ungesetzlich. In der UN-Charta der Rechte der Kinder, die auch vom deutschen Parlament ratifiziert worden ist, steht in Artikel 6 Absatz 2: "Die Vertragsstaaten gewährleisten in größtmöglichem Umfang das Überleben und die Entwicklung des Kindes."

Unter Artikel 3 Absatz 1 kann man nachlesen, dass sich die Vertragsstaaten verpflichten, bei allen Maßnahmen der Gesetzgebung oder Verwaltung das Wohl des Kindes "vorrangig" zu berücksichtigen - wozu zweifelsohne die Regulierung des öffentlichen Raumes zählt. Der gehört nicht naturgemäß den Autos, sondern ist auch Bewegungsraum für unmotorisierte Personen jeden Alters. Kinder brauchen Bewegung, nicht nur zum Spielen, wie es so niedlich heißt, sondern um sich gesund zu entwickeln, ihre Muskeln und ihren Geist zu gebrauchen, andere Kinder zu treffen, mit ihnen das zu tun, was Kinder tun müssen: hüpfen, rennen, quatschen, kicken, Verstecken spielen, jagen. Die Liste ist unvollständig. In England spricht man von spatial equality - dem Recht auf Freiraum.

Wie Kinder darunter leiden, wenn sie all dies nicht können, merken Ärzte spätestens bei der Schuleingangsuntersuchung: In Bayern beispielsweise stellten Kinderärzte fest, dass 75 Prozent der Erstklässler zu schwache Bauchmuskeln haben, 40 Prozent klagten über Rückenschmerzen, die Hälfte von ihnen können nicht 30 Sekunden lang auf einem Bein balancieren. Und: Wer da kippelt, findet sich auch nicht in Zahlenräumen zurecht. Aber wir nehmen Kindern nicht nur das Gefühl für den eigenen Körper und die Lust an der Bewegung, wir nehmen ihnen jede Menge Erfahrungsraum. Der Radius des deutschen Grundschulkindes, so die Auskunft der Hamburger Schulbehörde, ist in den vergangenen Jahrzehnten von zwanzig Kilometern Bewegung am Tag auf vier Kilometer geschrumpft. Ein Minus von sechzehn Kilometern an praller Lebenserfahrung. Ein Scherzkeks, wer meint, das könne man mit einer zusätzlichen Sportstunde oder einem Tierfilm in der ARD am Nachmittag zurück ins Kinderleben holen.

Wie leicht es doch wäre, unseren Kindern die 16 Kilometer am Tag zurückzugeben! Das geht ganz einfach so: