Erleben wir den Beginn eines großen Radsport-Skandals? Seit einigen Tagen bemüht sich der siebenmalige Tour de France-Sieger Lance Armstrong, die Dopingvorwürfe der französischen Sportzeitung L'Equipe zurückzuwiesen. Unter dem Titel "Armstrongs Lüge" berichtete das Blatt am Dienstag, dass Spuren des Blutdopingmittels Erythropoietin (EPO) in sechs eingefrorenen Urinproben des Amerikaners gefunden wurden. Sie stammen aus dem Jahr 1999, dem Jahr seines ersten Sieges.

"Ich habe noch nie gedopt. Die Anschuldigungen sind absurd," sagte der ehemalige Radprofi am Donnerstagabend in der Talkshow „Larry King Live“ beim US-Fernsehsender CNN. "Die Sache mit den sechs Jahre alten Tests stinkt, und sie ist nicht gut für mich. Unglücklicherweise geht es hier um etwas, das dich den Rest deines Lebens verfolgen kann," beklagte Armstrong.

2004 hatte die Welt-Antidoping-Agentur (WADA) das nationale Anti-Doping-Labor (LNDD) in Châtenay-Malabry bei Paris beauftragt, 150 Proben der Touren 1998 und 1999 erneut zu analysieren. "Die WADA wollte wissen, ob die Sportler ihre Dopingmethoden in den vergangenen Jahren verändert haben," erklärt in einem SZ-Interview am Freitag LNDD-Direktor Jacques de Ceaurriz. Das französische Institut ist eines der 33 von der WADA weltweit anerkannten Labore. "Sie vermutete auch, dass die Fahrer im Training stärkere Dosen nehmen und diese dann im Rennen nur noch auffrischen. Wir sollten herausfinden, ob diese geringen Dosen während des Rennens noch zu entdecken sind. Die Überlegung, die dahinter steckt, ist die: Wenn die Dosen während des Rennens wirklich so gering sind, muss man dann nicht die Kriterien, ab wann ein Fahrer gedopt ist, verändern?"

Ende der 90er Jahre war der Konsum von EPO (das die Zahl der roten Blutkörperchen erhöht, so dass das Blut mehr Sauerstoff aufnimmt und dadurch bessere Leistungen ermöglicht) im Radsport gang und gäbe. Die Methode, EPO im Urin nachzuweisen, war noch nicht entwickelt. Kontrollen wurden erst bei den Olympischen Spielen des Jahres 2000 in Sydney und der Tour de France im darauf folgenden Jahr eingeführt.

Auf CNN sagte Armstrong, der Test sei bis heute nicht zuverlässig und im LNDD-Labor seien sämtliche Richtlinien verletzt worden. So habe niemand die Tests überwacht. Es gebe keine Kontrollproben. Unklar sei auch, ob die Urinproben fachgerecht aufbewahrt worden seien. "Kein Athlet kann in so ein Verfahren Vertrauen haben", sagte er. "Wie kann man einen Mann derart öffentlich verfolgen, wenn dieser nicht einmal die Möglichkeit hat, sich zu verteidigen?" fragte die Star weiter. Während seiner Tourstarts sei er rund 100 Mal kontrolliert worden, immer mit negativem Ergebnis. "Unmittelbar vor der vergangenen Tour klopften Vertreter des französischen Gesundheitsministeriums an meine Zimmertür und ich musste zwei Urin- und Blutproben geben. Kein anderer Fahrer wurde an diesem Tag kontrolliert. Also kann ich es noch lauter sagen: Es ist eine Hexenjagd".

Dabei bezichtigte er das Labor von Chatenay-Malabry der doppelten Verletzung der WADA-Regeln: Im Falle nur noch einer verbleibenden Urinprobe müsse diese anonym bleiben und dürfe selbst zu Forschungszwecken nur mit Einverständnis des Athleten geöffnet werden.