Der Medienkanzler. Das schreibende und sendende Korps in Berlin wird sich noch lange an ihn erinnern. An den Mann, der auf die interessantesten Fragen nie antwortet. Und der spontane Einfälle mit einem „Übrigens“ einzuleiten pflegt. Auch in Reden. Seine Redenschreiber hassen ihn dafür, dass er sich nie an Manuskripte hält und vorab meistens den ganzen schönen intellektuellen Überbau herausstreicht.

„Übrigens“: ja doch, Herr Bundeskanzler, wir alle haben brav den „Economist“ gelesen, spätestens nachdem Sie bei Maybrit Illner im ZDF eigenhändig Werbung dafür gemacht haben. Deutschland ganz toll! Ist ja gut.

Irgendwie hegte jedoch Schröders Regierungssprecher Bela Anda Zweifel an der Folgsamkeit der Hauptstadtpresse oder an ihrer Lesefreudigkeit, oder er vermutete, dass die irre sparsam gewordenen Redaktionen inzwischen alle Auslandsabos gestrichen haben (da liegt er auch nicht ganz falsch). Und bestellte beim Londoner Economist-Vertrieb auf Steuerzahlerkosten mehrere hundert Exemplare des in Deutschlandfarben gehaltenen Titels, dessen Leitartikel sich um die These dreht, dass man die deutsche Wirtschaft wesentlich optimistischer betrachten könne, als es die Deutschen in ihrer Miesmacher-Mentalität selbst tun. Und schickte diese Hefte versehen mit einem persönlichen Anschreiben ("Sehr geehrte Kollegin, sehr geehrter Kollege") an die so genannten Multiplikatoren. "Globalisierung führt zu einem weltweit hart geführten Wettbewerb zwischen Industriestandorten. Umso erfreulicher, dass von einem der renommiertesten internationalen Wirtschaftsmagazine, dem Londoner Economist, der Standort Deutschland sehr positiv bewertet wird" – so formulierte es Herr Anda, der also unser „Kollege“ ist.

Sagt einer der in Berlin für den Economist schreibenden Kollegen, Ludwig Siegele: "Ich fühle mich zwar nicht vereinnahmt, aber ich wundere mich." Merkwürdig auch, dass Bela Anda im Sommer 2004 darauf verzichtete, das TIME Magazine unter die Leute zu bringen, das damals eine ähnliche Titelstory hatte. Aber damals schienen die nächsten Bundestagwahlen ja äonenweit in der Zukunft zu liegen.

Hier am Bundespressestrand stellt sich mit Blick auf das Kanzleramt außerdem die Frage: Haben die da drüben den Economist auch wirklich gelesen? Darin steht, weiter hinten, und zwar in einer Story über Angela Merkel, dass trotz aller guten ökonomischen Daten ein Regierungswechsel die Sache noch beschleunigen würde.

Dies war überhaupt eine Woche der Reflexionen über das Verhältnis von Rot-Grün zu den Medien. Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust am Dienstag im ZDF: Schröder habe das ziemlich falsch eingeschätzt, als der dachte, er brauche nur "Bild und die Glotze", um zu reüssieren. Und dem Berliner FAZ-Leitartikler Günter Bannas war das Thema am Donnerstag gar eine halbe Seite wert.