Nach der Vorlage des Verfassungsentwurfs haben sunnitische Geistliche im Irak eine Kampagne gestartet, um die Verfassung bei der Volksabstimmung im Oktober zu Fall zu bringen. Bei einem von Religionsgelehrten angeführten Protestzug von Hunderten Anhängern des Ex-Präsidenten Saddam Hussein am Montag in Tikrit riefen die Demonstranten die Iraker dazu auf, sich an dem Referendum zu beteiligen und mit Nein zu stimmen. Scheich Jahja al-Atawi, ein Mitglied des sunnitischen Rats der Religionsgelehrten, sagte, die Verfassung sei ein Schritt auf dem Weg zur Spaltung des Landes. Dagegen würdigten neben den USA die UN und die EU die Arbeit der Verfassungskommission.

Der irakische Ministerpräsident Ibrahim al-Dschafari betonte unterdessen, für die Baath-Partei von Saddam Hussein gebe es keinen Platz mehr im Irak. Wer aber einst nur zur Partei gehört und sich nicht an den Verbrechen des Regimes beteiligt habe, müsse sich genauso wenig fürchten, wie die Angehörigen der Parteifunktionäre.

Die geplante Verfassung für den Irak ist nach Ansicht von Udo Steinbach, Direktor des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg, völlig ungeeignet, das Land zu befrieden. Im Gegenteil: "Was in dieser Verfassung steht, trägt den Keim eines Bürgerkriegs" in sich, sagte Steinbach dem "Hamburger Abendblatt". "Eines Bürgerkriegs zwischen Arabern und Kurden sowie zwischen arabischen Sunniten und Schiiten."

Die Verfassung schreibe Bedingungen fest, die "gegen die elementarsten Gegebenheiten der Geschichte und des Selbstverständnisses der ethnischen und religiösen Strukturen" im Irak verstießen. Dem Verfassungsprozess müsse mehr Zeit eingeräumt werden. "Wenn der Irak überhaupt eine Chance haben soll, dann kann das nur über die gegenseitige Akzeptanz der Menschen im Irak selbst erfolgen", meinte Steinbach.

An der Volksabstimmung über die neue irakische Verfassung wollen sich nach einer Umfrage mehr als 80 Prozent der Wahlberechtigten beteiligen. Nur fünf Prozent der 3667 im Auftrag der Zeitung "Al- Sharq Al-Awsat" Befragten gaben an, sie wollten der Volksabstimmung fernbleiben, der Rest ist noch unentschlossen. Für den Föderalismus, der auf Druck der Kurden und einiger Schiiten-Parteien und gegen den Willen der Sunniten in dem Verfassungsentwurf festgeschrieben wurde, sprachen sich überraschenderweise nur 30 Prozent der Befragten aus.

Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amre Mussa, bezeichnete den Verfassungsentwurf in einem Interview des britischen Rundfunksenders BBC als "ein Rezept für Chaos". Er teile die Bedenken der Sunniten gegen den Föderalismus. UN-Generalsekretär Kofi Annan nannte den Entwurf dagegen einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg des politischen Wandels im Irak. Die Parteien im Irak müssten ihren Geist der "nationalen Aussöhnung" beibehalten. US-Präsident George W. Bush erklärte, das Kompromissdokument spiegele fundamentale Prinzipien der Freiheit wider. Auch die Bundesregierung würdigte, "die ernsthaften Bemühungen" der Verhandlungspartner.