"Willkommen in der Kanzlerdemokratie!", schreibt die Süddeutsche Zeitung an diesem Freitagmorgen. Verwundert reibt der Leser sich die wahlkampfmüden Augen. "Seit dem gestrigen Urteil (des Bundesverfassungsgerichts zur Vertrauensfrage) (...) kommt es auf den Kanzler noch mehr an als bisher", heißt es weiter. Las man nicht schon seit Wochen, auf den Kanzler käme es überhaupt nicht mehr an; der sei amtsmüde, der Wahlkampf seine Abschiedstournee und  eine Wiederwahl ausgeschlossen?

Doch jenen Kommentatoren, die nun Kanzlerdemokratie und Machtverlust des Parlaments beschwören, geht es natürlich nicht um Gerhard Schröder. Das Amt an sich haben die Karlsruher Richter erhöht, schreibt die SZ , und seinem Inhaber ein starkes Mittel zur Durchsetzung seiner Richtlinienkompetenz in die Hand gegeben: Das Recht zur Auflösung des Bundestags. Verloren haben, so sieht es die Welt , Bundestag, Bundespräsident und Verfassungsgericht: Indem die Richter den Ermessensspielraum der operativen Politik großzügig erweitert hätten, habe das Gericht seine Möglichkeit zur Überprüfung und zu Korrekturen praktisch aus der Hand gegeben. Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung sieht den Parlamentarismus geschwächt: "Das Urteil ist der Schlussstein der beiden Amtszeiten Schröders, des Medien- und Kommissionskanzlers, der seine Legitimation am liebsten direkt vom Volk ableitete, vorbei an der Partei, vorbei am Parlament."

Womit man dann doch wieder bei Schröder ist. Denn was in Karlsruhe entschieden wurde, ist Resultat jener Distanz zwischen Kanzler und Partei, die für die Sozialdemokratie typisch zu sein scheint. Sie existierte schon für Helmut Schmidt, sie existiert wieder für Gerhard Schröder. Der allerdings hat ein neues Verständnis dessen eingeführt, was des Kanzlers Politik bestimmen muss. "Nicht die Meinungsbildung in den Parteien und deren Wirken werden nach dieser Vorstellung für entscheidend gehalten, sondern das - dem Schein nach - unmittelbare Zusammenwirken von Spitzenpolitikern und Wählern", schrieb die FAZ am Donnerstag. Das hat der Richter Hans-Joachim Jentsch erkannt. In seinem Sondervotum spricht er davon, dass das Urteil plebiszitäre Elemente stärke, weil der Kanzler zur Begründung seiner Vertrauensfrage den starken Gegenwind im Land erwähnte, obwohl doch - der Verfassung nach - ausschlaggebend nur ist, ob er eine stabile Mehrheit im Parlament hinter sich sieht.

Am liebsten wäre es Schröder wohl, der Kanzler würde direkt vom Volk gewählt. Nicht von ungefähr sagte er im ZEIT- Interview kurz nach der Neuwahl-Ankündigung: "Ich glaube, wir tun gut daran, eine sehr personalisierte Auseinandersetzung zu führen, die auf die beiden Spitzenleute zugeschnitten werden wird." Das Mittel der Parlamentsauflösung in Händen des Regierungschefs passt genau in diese Denkweise.

Ob diese sich durchsetzen wird? Politik zu einer pausenlosen "Alles-oder-nichts-Auseinandersetzung" ( FAZ ) zu stilisieren, das zehrt auch an den Kräften der eigenen Gefolgsleute. Augenscheinlich wurde das am Donnerstag in der ersten Fernsehrunde der Spitzenkandidaten: Franz Müntefering krank entschuldigt, Joschka Fischer fast stimmlos vor Heiserkeit. Ebenso wird die föderale Struktur des Landes weiterhin davor sein, welchen Kanzler auch immer ungehindert "durchregieren" zu lassen. Und schließlich: Mit der Vertrauensfrage drohen kann der Kanzler zwar immer. Entscheiden müssen aber die Abgeordneten - allein nach ihrem Gewissen. Auch das steht im Grundgesetz. Wie stünde wohl ein Kanzler da, den der Bundestag gegen seinen Willen im Amt hält?