Ist illiberal und kulturkonservativ, wer findet, dass Klaus Wowereit besser auf sein Grußwort zum Berliner Sado-Maso-Fest verzichtet hätte? Um sich der Antwort auf diese nicht ganz wahlkampffreie Frage zu nähern, ist es hilfreich, den Fetisch einer anderen Minderheit als Vergleichsobjekt heranziehen: den Gartenzwerg.
Illustration: Rita Kohel für ZEIT online

Stellen wir uns einmal vor, der Bürgermeister der Bundeshauptstadt hätte nicht das Sado-Maso-Fest mit einer huldigenden Grußbotschaft belegt, sondern die Tauschbörse des Vereins deutscher Gartenzwergfreunde e.V. Das könnte er tun. Er könnte hingehen zu den Zwergensammlern und sagen, ihre Vorliebe sei ja wohl "Lebensfreude pur", weshalb er hoffe, dass sie sich in der "toleranten und weltoffenen Metropole" Berlin "wohl fühlen". Das wäre schon okay, dagegen könnte kein Liberaler etwas haben. Er dürfte den OB gleichwohl für ziemlich derangiert und geschmacklos halten.

Eben jenen feinen, aber wichtigen Unterschied zwischen Kultur- und Stilkritik bringt heute die FAZ auf den Punkt. Die Feierei der Lack- und Ledermenschen sei "vor allem einmal sozialdemokratischer Kitsch pur". Und genüsslich höhnt der Frankfurter Glossist weiter: "Aber der Spießer hat überall gesiegt. Nicht einmal die letzten, auf die man bauen konnte, weil sie in einer vitalen, nicht nur eingebildeten Randstellung zu sein schienen, haben den Mumm, sich solche Grußbotschaften zu verbitten, und sei es mit der Peitsche".

So ist es. Soll mal keiner glauben, unter den Sado-Masos habe es nicht den ein oder anderen gegeben, dem Wowereits Kuschelnummer eine, sagen wir mal, Qual gewesen ist. Die Anhänger bizarrer Freizeittätigkeiten müssen sich selbst schließlich nicht für widerwärtig halten, um sich der Tatsache bewusst zu bleiben, dass sie eine Minderheit sind.

Mit anderen Worten, mit anderem Beispiel: Auch der durchschnittliche Gartenzwerg-Freund würde sich wundern, wenn plötzlich der Bürgermeister bei ihm aufschlüge. Ja, er hätte vermutlich das untrügliche Gefühl, dass hier gerade irgendetwas ganz schon schräg läuft.
Und der Durchschnittswähler, er dürfte durchaus seine Rückschlüsse ziehen aus den zur Schau gestellten Präferenzen des Stadtoberhauptes für bestimmte Formen der Kleingärtnerei.

In Berlin soll jeder Klammerbeutel nach seiner Fa ç on glücklich werden. Aber bitte, auch im Sinne der Spinner: ganz ohne staatlichen Segen. Und das ist sehr wohl eine liberale Sicht.